Österreichs Finanzminister will die Wiener Börse aus ihrem Dornröschenschlaf wecken

Wenn die Betriebe genügend Kapital haben, so sichert das die Arbeitsplätze der dort Beschäftigten.“ So konterte der neue österreichische Finanzminister Franz Vranitzky Vorhaltungen seiner sozialistischen Kabinettskollegen, er betreibe ein kapitalistisches Wirtschaftsprogramm. Der Vorwurf gilt einer Reform, die Österreichs Wirtschaft schon lange, aber vergeblich von Vranitzkys Vorgängern gefordert hatte: Mit einer steuerlichen Förderung junger Aktien von 1986 an sowie gleichzeitiger Steuererleichterungen für Altaktionäre will der neue Finanzminister den nahezu brachliegenden Aktienmarkt beleben. Die Aktie soll künftig auch für den kleinen Mann attraktiv werden. Und Österreichs Aktiengesellschaften, Jahrzehnte hindurch kapitalmäßig ausgezehrt, sollen damit eine Auffrischung bekommen.

Nach Vranitzkys Reform kann künftig jeder Steuerpflichtige junge Aktien bis zu einem Betrag von 40 000 Schilling pro Jahr, das sind umgerechnet rund 5700 Mark, kaufen und voll von der Steuer absetzen. Erträge aus diesen jungen Aktien bleiben zehn Jahre lang steuerfrei. Für die Ehefrau, die nicht selbst Geld verdient, wird dieser Freibetrag noch einmal eingeräumt und auch Kinder finden Berücksichtigung.

Der Finanzminister rechnet damit, daß zahlreiche Betriebe nun ihr Kapital durch die Ausgabe von jungen Aktien erhöhen. Vranitzky: „Wir hoffen, daß viele neue Gesellschaften an die Börse gehen werden, das könnte einen Eigenkapitalschub von zwei Milliarden Schilling erbringen“ – eine Kapitalspritze von immerhin umgerechnet rund 280 Millionen Mark. Banken, Versicherungen und verstaatlichte Betriebe bleiben von dieser Förderung ausgenommen.

Auch für die Besitzer „alter“ Aktien wird etwas getan. Der Aktienertrag wurde bisher gleich doppelt besteuert: Sowohl der Betrieb, der Dividenden auszahlt, wie auch der Empfänger dieser Dividenden mußten Steuern zahlen. Jedes Sparbuch war damit als Anlageform lohnender als der Kauf einer Aktie, die immerhin mit wirtschaftlichem Risiko behaftet ist. Die zweifache Besteuerung bleibt zwar bestehen, doch werden die Aktionäre für ihren Bestand an alten Aktien künftig nur mehr den halben Steuersatz bezahlen. Aktienbesitz wird damit wieder interessant. Davon profitieren allerdings nur Österreicher.

Die Börse in Wien hat auf diesen verordneten Aktienfrühling schon vor Monaten reagiert. Jahrzehntelang hatte sie in einem Dornröschenschlaf gelegen, doch seit Vranitzky erkennen ließ, daß er für eine Aktienreform zugänglich sei, belebte sich das Kaufinteresse, die Kurse begannen zu klettern. Der Börsenindex stieg zwischen Januar und April dieses Jahres von 120 auf 170. Bedenkt man, daß die Werte auf Basis des Jahres 1966 berechnet werden, sieht man allerdings deutlich, wie tief im Keller die Kurse bisher verharrten.

Zu den Gewinnern zählten Aktien der „Wienerberger“, eines Baustoffunternehmens, das der Creditanstalt-Bankverein gehört. Auch die Aktien der österreichischen Braubetriebe (Brau AG, Reininghaus, Gösser und Schwechater) liegen gut im Rennen. Stattliche Wertzuwächse gab es auch bei den Aktien der Papierfabriken. Zudem ereignete sich Sensationelles – noch bevor feststand, was Vranitzky überhaupt vorhatte: Zwei österreichische Gesellschaften gaben neuen Aktien aus, ein Vorgang, den es an der Börse in Österreich seit vielen Jahren nicht mehr gegeben hatte.