Von Wolfgang Boller

Der Geist des Dichters schwebt über dem Tal. Er hatte im hohen Alter das Leben mit einem Kuraufenthalt verglichen. Als er das Bad in den böhmischen Wäldern endgültig verließ, dichtete er, als wären ihm, dem Olympier, viele Leben beschieden: „Was soll ich nun vom Wiedersehen hoffen ...?“ Die Worte sind berühmt. So beginnt die Marienbader Elegie. Man kennt die Bilder, ohne sie je zuvor gesehen zu haben. Sie gleichen Erinnerungen an ein früheres Leben, das vertraut und zugleich fremd erscheint: die Brunnen und Kolonnaden, die Zuckergußfassaden mit Pilastern und Hohlkehlen, die Kieswege, Blumenrabatten, Ruhebänke, die kleine Hauptstraße mit einer Sparkasse, ein paar kümmerlichen Lebensmittelgeschäften und dem Tuzex-Laden. Wie paßt der verblichene Glanz der Epoche zu den Spuren des Verfalls, wie die Karyatiden zum Roten Stern, die gußeiserne Jugendstilhalle zum Bauzaun? So, als wären im Traum eines Konservators die Lehrmeinungen durcheinandergeraten. Ein Wiedersehen mit Marienbad lehrt die normative Kraft der Denkmalspflege.

Der Dichter ist gegenwärtiger als die Monarchen und zeitgenössischen Zelebritäten (Prospekttext: „... deren Namen dem heutigen Besucher meist nichts mehr sagen haben“) – ein Fresko in der liebevoll erneuerten Wandelhalle, eine Bronzetafel am Stadtmuseum, dem einstigen Gasthof „Zur goldenen Traube“, und auf Schritt und Tritt das Pensum bürgerlicher Bildungsbeflissenheit, die sich in seinen Amouren besser auskennt als in seinen Versen. Vor 160 Jahren in Marienbad: Da hat er sich doch als alter Mann in einen Backfisch verguckt, hat sich tatsächlich Hoffnungen gemacht. Auf der Terrasse über den Wiesen thronte er wie auf der Bühne vor einem ergebenen, mitleidigen und spottlustigen Publikum. Schauplatz war die Kuranstalt „Kaukasus“.

„Dies war das Haus“, sagt der Chefarzt mit der genießerischen Emphase eines Forschers, der im Expertenkreise eine delikate biographische Entdeckung zum besten gibt. Hier hat der greise Dichter Johann Wolfgang von Goethe zum letztenmal sein Herz verloren. Hausherr von Brösigke war der Großvater des Mädchens Ulrike von Levetzow. Sie war 17 Jahre alt, als sie ihm vorgestellt wurde, er 72. Zwei Jahre später warb der Herzog Karl August von Weimar bei der Mutter um Ulrikes Hand für den Freund und Staatsminister. Das Salonstück um Liebe, Leichtfertigkeit und Irrtum endete mit Entsagung und Abschied. Ulrike später: „Keine Liebschaft war es nicht.“ Die Episode ist ein Stück Literaturgeschichte. Dem Chefarzt der Kuranstalt „Kaukasus“ dient sie als historisches Indiz für die Wirksamkeit einer geriatrischen Kur, die schon ab dem vierzigsten Lebensjahr als Präventivtherapie gegen die Gebresten des Alters verordnet wird, als da sind Arteriosklerose, Konzentrationsstörungen, Leistungsabfall und Gesamtschwäche.

Der Geheime Rat reiste siebzehnmal in die böhmischen Bäder, dreiunddreißigmal wurde er in Franzensbad gesichtet. Er brauchte die Kur, wie seinerzeit alle Welt, aus Gründen der Geselligkeit, des Zeitvertreibs und des allgemeinen Behagens. Das Leben dort war bei weitem angenehmer als im heimischen Weimar, leichter, heiterer, frei vom täglichen Kram, jedenfalls ohne ernstliche Beschwerden, die den Lebensgenuß mit dem Brunnenglas in der Hand und dem unerläßlichen Eimerchen Frankenwein im Quartier doch arg gemindert hätten.

Ein Widerschein der stolzen Namen ruht noch auf den teuren Kulissen. Vielleicht haben sie wirklich nichts mehr zu sagen, aber der verspielte Lebensstil der Belle Époque ist noch spürbar im Prunk der Marmorbäder und goldenen Stucksäle.

Mit welchen Absichten und Empfindungen reist man heute in die Bäder von gestern zum verordneten Kuraufenthalt: pflichtbewußt, entsagungsvoll und krankenversichert. Die böhmischen Bäder gleichen Bühnendekorationen für Stücke, die nicht mehr gespielt werden. Die Protagonisten sind längst gegangen. Das Ensemble in der Brunnenkolonnade gleicht einer Menge im Bahnhofswartesaal, und die Statisten sind nicht mehr die livrierten Lakaien des Grafen Schwerts, der zu Ehren der Prinzessin von Dänemark einen Ball gibt – es sind illegale Geldwechsler mit ebenso günstigen wie riskanten Offerten.