Paraden demonstrieren militärische Stärke, doch die Wirtschaft hinkt hinterher

Von Theo Sommer

Moskau, Anfang Mai

Die Szene wirkt wie aus einem Eisenstein-Film. Dieselqualm und Motorenlärm erfüllen die Gorki-Straße. In drei Säulen rasseln Hunderte von schweren Kettenfahrzeugen den breiten Boulevard hinunter zum Roten Platz: Panzer, Schützenpanzer, Artillerie-Lafetten, Werfer, Flugabwehrraketen. Die Ketten ritzen dem grauen Asphalt weiße Muster ein. Die Fahrzeugkolonne nimmt kein Ende. Noch um Mitternacht rauscht und rattert es durch die Straßenschlucht: Die Rote Armee hält Generalprobe für die Siegesparade am 9. Mai – dem Tag, an dem die Sowjets den Triumph über Hitler-Deutschland feiern.

Auf den Gehwegen drängen sich die Menschen und recken die Hälse. Keiner, der nicht wüßte, worum es geht. Endlose Fernsehserien über den Zweiten Weltkrieg haben ihrer Erinnerung auf die Sprünge geholfen – wenn dies überhaupt nötig gewesen sein sollte. Es bedarf der Propaganda nicht, um in der Sowjetunion das Gedenken an die finsteren Jahre und ihr Ende wachzuhalten.

Zwanzig Millionen Sowjetmenschen kamen um. Über 70 000 Dörfer und 1700 Städte wurden zerstört. Drei Jahre lang standen die Deutschen im Lande. Rund 65 Millionen sowjetischer Bürger, ein Drittel der Bevölkerung, hat die Besatzung noch am eigenen Leibe erlebt. Dazu gehört auch der 54jährige Michail Gorbatschow, der neue Kremlführer, dessen Heimatregion Stawropol sich 1942/43 fünf Monate lang in deutscher Hand befand. Der Kommissar-Erlaß und die Dezimierungspläne der Nazis, deren „Untermenschen“ – Philosophie mitsamt der Deportationspolitik (5,7 Millionen Kriegsgefangene, von denen nur 42 Prozent überlebten; 2,8 Millionen zivile „Ostarbeiter“) – nichts davon ist vergessen.

Schon gar nicht in Stalingrad, das heute Wolgograd heißt, aber – wenn die Stadt ihren Willen bekommt – sich bald aufs neue nach dem toten Diktator benennen darf, der im Bürgerkrieg an ihrem Abwehrkampf gegen die Weißgardisten teilnahm und dessen Namen sie von 1925 bis 1961 trug. Wolgograd lebt von der Historie. Dort wendete sich Anfang 1943 das Schlachtenglück: der scheinbar unaufhaltsame Vormarsch der Deutschen wurde gestoppt, die Wehrmacht in die Flucht geschlagen. Die Schlacht um Stalingrad war der Anfang von Hitlers Ende. Sie dauerte 200 Tage und Nächte, zwei Millionen Menschen lagen einander gegenüber; die Verluste der Deutschen beliefen sich auf 840 000 Tote und Verwundete; 91 000 Wehrmachtssoldaten marschierten Anfang Februar 1943 in die Gefangenschaft.