Von Leo Haupts

Wie war es möglich, daß Millionen von Menschen in Deutschland das nationalsozialistische Regime trugen oder wenigstens nicht dagegen rebellierten, selbst als im Kriege die Niederlage mit ihren tiefgreifenden, jeden einzelnen betreffenden Folgen sichtbar wurde? So etwa lautet eine der zentralen Fragen, die in der Beurteilung der NS-Herrschaft noch immer unbefriedigend beantwortet werden kann. Die Vorstellung eines höchst wirkungsvollen, allgewaltigen Terror-Regimes, das die gesamte Bevölkerung ganz und gar niederhielt, scheint heute ebenso nur eine Teilwahrheit zu enthalten wie die Annahme, daß sich alle oder auch nur die Mehrheit aus ideologischen oder einem breiten Spektrum persönlicher Gründe mit dem Regime identifizierten. Längst hat eine große Zahl von Zeitgenossen ihr Leben unter dem Nationalsozialismus in Erinnerungen beschrieben und aus ihrem Erfahrungskreis eine Vielgestaltigkeit sichtbar gemacht, die mit schematischen Urteilen kaum zu fassen ist, haben Untersuchungen des Alltags in der NS-Zeit die geringe Konsistenz des Systems erkennen lassen.

Rolf Schörken, Professor für Didaktik und Politische Bildung an der Universität Duisburg, versucht in einer Fallstudie zu den Luftwaffenhelfern im Zweiten Weltkrieg eine systematische, fundierte, wissenschaftliche Antwort zu finden. Statt der Gesamtheit der in Deutschland während des Krieges Lebenden faßt er eine konkrete Gruppe ins Auge, die männlichen Angehörigen der Jahrgänge 1926, 1927 und 1928, die als Schüler von Ober- und .Realschulen oder als Lehrlinge von 1943 ab als Luftwaffenhelfer einberufen wurden und zunächst in der Luftverteidigung und dann beim Zusammenbruch im Erdkampf ‚eingesetzt waren. Für sie kann Schörken – und das hängt schon mit dem zusammen, was der Autor als das spezifische politische Bewußtsein der Luftwaffenhelfer beschreibt – zahlreiche einschlägige Zeugen und Zeugnisse ausfindig machen. Andererseits scheinen diese Jahrgänge über die bloße Vermittlung einer Innenansicht der täglichen Wirklichkeit des Dritten Reiches hinaus besonderen Aufschluß darüber geben zu können, wie die Wirkung der nationalsozialistischen Sozialisationseinrichtungen und -techniken im Ergebnis ausgesehen hat. Ohne eigene Erfahrung der politischen Realität der Weimarer Republik und von ausländischen Informationsquellen abgeschnitten unterlagen diese Heranwachsenden nämlich dem Druck nationalsozialistischer Beeinflussung vordergründig betrachtet uneingeschränkt, zumal als Elternhaus und Schule in der Flak-Zeit zwangsläufig zurücktreten mußten. Konnte das NS-Regime die Jugend jener Jahrgänge wirklich faschistisch machen, wie man im Ausland bei Kriegsende vermutete und im fanatischen Weiterkämpfen deutscher Einheiten bei Kriegsende belegt zu finden glaubte?

Schörken, selbst Angehöriger des Jahrganges 1928 und Luftwaffenhelfer, geht bei der Beantwortung dieser Frage von persönlichen Erfahrungen aus. Ihre Beschreibung steht nicht zufällig auch nach den Kapiteln im Mittelpunkt seines Buches. In ihnen entfaltet er ein anschauliches Bild der Alltagswelt der Luftwaffenhelfer, wird Vergangenheit bis in die Sprache hinein lebendig (man wird „untergebuttert“, werden „Preise kaputt gemacht“). Zugleich analysiert er subtil und nuanciert Einstellungen und Haltungen, die aus dem Abstand von Jahrzehnten gereifter Erfahrung und Kenntnissen in ihren damals nicht bewußten Bedingungen und Zusammenhängen gesehen werden. Um diesen Kern des Buches legt sich ein wissenschaftlichen Rahmen, der die persönlichen Einsichten unterbauen und absichern soll. Vorweg werden Beschreibungen von Kindheitserlebnissen in der NS-Zeit in autobiographischen Darstellungen ausgewertet, dann bisherige wissenschaftliche Bemühungen um die Luftwaffenhelfer gesichtet und Analysen der Sozialisationsfaktoren für das Dritte Reich aufgearbeitet. Dem autobiographischen Teil folgt die Verarbeitung einer Fragebogenaktion, die über 400 ehemalige Luftwaffenhelfer erfaßte. Dabei bemüht sich der Autor, dem sichtlich seine Tätigkeit als Historiker, Politologe und Pädagoge zugute kommt, von verschiedenen wissenschaftlichen Ansätzen her zu einer möglichst dichten Wirklichkeitserfassung zu gelangen, seine Thesen rational zu unterbauen und die Schritte seiner Untersuchung bis in Einzelheiten hinein nachvollziehbar zu machen.

Das Ergebnis der Untersuchung ist überraschend eindeutig. Das NS-Regime erlebt bei den 16- bis 18jährigen am Ende des Krieges einen totalen Mißerfolg. Mit ganz wenigen Ausnahmen setzte sich bei den Luftwaffenhelfern eine weitgehende Abwendung von nationalsozialistischen Wertungen und Haltungen seit 1944 durch und blockierte selbst bei HJ-Führern eine weitere Identifikation mit dem System. Ein stark ausgeprägtes Gruppenzusammengehörigkeitsgefühl überdeckte politische Auffassungsunterschiede; ein starkes Eigenleben der Gruppen bot in steigendem Maße Rückhalt gegenüber nationalsozialistischen und auch militärischen Verhaltensforderungen, es begünstigte eine gruppenspezifische Haltung, eine Art „Obergefreiten“-Mentalität, und ließ einen sich in unmilitärischer Kleidung und Vorliebe zu azz-, Tanz- und Rock-Musik äußernden Freiheitsdrang gedeihen. Die Hitlerjugend verfiel einhelliger und massiver Ablehnung; da die Wirkung der von den Nationalsozialisten okkupierten Sozialisationsagenturen (Funk und Presse) schwand, gewann die Wert- und Auffassungsvermittlung, die immer noch durch die mehr äußerlich besetzten Sozialeinrichtungen (Schule, Kirchen) geleistet wurde, an Gewicht. In der unmittelbaren Anschauung der militärischen Überlegenheit der Alliierten schmolz die Glaubhaftigkeit von Durchhalteparolen, wuchs die Distanz zur nationalsozialistischen Ideologie und zu nationalsozialistischen Organisationen, blieb allein eine unkritische Identifikation mit der Wehrmacht. Während Luftwaffenhelfer vor Waffen-SS-Anwerbern Reißaus nahmen, wie Schörken aus eigenem Erleben beschreibt, melden sie sich zur Wehrmacht freiwil-

Die bei Kriegsende 17- bis 19jährigen hatten Nationalsozialismus und Drittes Reich schon vor dessen Ende hinter sich gelassen. Ein ausgeprägtes, inhaltlich gefülltes politisches Bewußtsein im Sinne einer Zukunftsorientierung (hier führt der Untertitel leicht in die Irre) besaßen sie jedoch nicht; sie waren möglicherweise für eine ihren individuellen Ansprüchen und ihrem Freiheitswillen stärker Raum gewährende demokratische Staatsordnung aufnahmebereiter als andere Jahrgänge, die die NS-Zeit erlebt haben. Einer aktiven politischen Beteiligung in der Nachkriegszeit stand allerdings eine verinnerlichte Haltung des Gehorchens und Einordnens sowie die Vorstellung einer hierarchisch strukturierten Gesellschaftsordnung genauso im Wege wie die Hemmung, sich mit ihren eigenen Interessen energisch zu Wort zu melden.

Aus der Ökonomie der Studie bleibt der Blick in die Nachkriegszeit Spekulation. Es fehlt eine über das persönliche Urteil hinausgehende empirische Grundlage, wie sie das Buch für die Luftwaffenhelfer-Zeit darbietet. Eine eigene Studie wäre erforderlich, eine möglicherweise schon von den Quellen her viel schwierigere. Dabei wäre es ungemein reizvoll und aufschlußreich zu erfahren, ob einerseits die von den Betroffenen als enorm intensiv und spezifisch empfundene Prägung in der sich zwangsläufig ergebenden Verschiedenheit der späteren Lebensschicksale so etwas wie eine dauerhafte Markierung hinterlassen hat, ob sie nicht eher als abgeschlossen eingekapselt worden ist und ob andererseits gewissermaßen so etwas wie die Bilanz der Rolle der so Geprägten für die Nachkriegsgesellschaft und hier besonders für ihre politische Gestaltung möglich ist.