Von Marion Gräfin Dönhoff

Was eigentlich ist Geschichte? So fragt man sich an diesem 8. Mai. Ist es eine Kette von Zufällen, ein Chaos von widerstreitenden menschlichen Impulsen: Hoffnungen, Ängsten, Ambitionen? Oder ist es ein Ganzes, ein großer Plan, vom Weltgeist oder wem auch immer entworfen, der der Handlung zugrunde liegt? Und wer eigentlich sind die Handelnden? Sind es die Akteure, die wir auf der Bühne sehen, oder die vielen unbekannten, unsichtbaren Leute mit ihren dunklen Trieben und leichtfertigen Träumen, auf die alle politische Dynamik zurückzuführen ist?

Marx war offenbar der Meinung, man könne für die Geschichte – ähnlich wie für die Naturwissenschaften – eine Art Gesetz aufstellen. Ein sozio-ökonomisches Gesetz, anhand dessen man die geschichtliche Entwicklung verfolgen, ja, bis zu dem gewünschten Endzustand voraussagen könne.

Sein Zeitgenosse Leo Tolstoi, der soviel mehr über die Menschen wußte, über ihre geheimen Wünsche, Versuchungen und Sorgen – über all das, was Marx kurzerhand als Oberbau bezeichnete –, hat in seinem großen Werk „Krieg und Frieden“ immer wieder mit dem Problem gerungen: Was ist Geschichte? Er glaubte nicht an die Hauptrolle der politischen und ökonomischen Daten, auch nicht an Helden und Männer, die Geschichte machen. Er meinte vielmehr, es komme auf die vielen subjektiven Existenzen an, auf den großen Strom, in den die persönlichen Leben der Menschen mit allem eingehen, was sie denken, hoffen und fühlen. Denn das wirkliche Leben bestehe aus ihrem Haß, ihren Freundschaften, ihrem Argwohn, ihren Leidenschaften.

Die Frage, was eigentlich Geschichte ist, stellen auch wir uns, die wir jetzt anläßlich der 40. Wiederkehr des 8. Mai 1945 in einer tagelangen, erschütternden Fernsehserie noch einmal die Kriegsjahre an uns vorüberziehen sahen. Da war alles wieder zum Greifen nahe: der Siegeszug auf allen Schlachtfeldern, die Sondermeldungen über Kriegserfolge, die Massentollwut, zu der Goebbels die Frauen und Männer hochpeitschte, die, sich selbst überlassen, längst wußten, daß der Krieg verloren war; hochpeitschte, bis sie die Frage: Wollt ihr den totalen Krieg?“ mit dem hysterischen Schrei aus zigtausend Kehlen beantworteten: „Ja, ja, ja...“

Und man sah Hitler, wie er über Trümmer stelzt, einem Roboter gleich den Arm zum Gruß hebend und senkend, wie er im Lazarett ungelenk mit hilflosem Lächeln Verwundete besucht. Und schließlich dann der verzweifelte Rückzug: verstümmelte Tote im Schnee, verstümmelte Tote neben ausgebrannten Panzern, Granateneinschläge, Bombentrichter, Artilleriefeuer ohne Ende.

Und dieser Hitler, dieser Goebbels, das sollen die Akteure gewesen sein, die jenen Weltbrand entfachten, die normale Leute – junge und alte, so wie sie heute unter uns leben und emsig an ihrer Zukunft basteln – dazu gebracht haben, immer weiter und weiter zu marschieren, Länder zu erobern, Städte zu zerstören, zu töten, zu morden? Sie sollen es gewesen sein, die wirklich die Welt verändert haben: Europa, Asien, Afrika?