Hervorragend

Johann Sebastian Bach: „Magnificat/Jauchzet Gott in allen Landen“. Das Jubiläumsjahr ist fruchtbar – an erstklassigen Neuveröffentlichungen ist kein Mangel. Diese hebt sich aus den besten noch einmal heraus. Der liturgische Charakter der Canticum-Komposition hält John Eliot Gardiner nicht davon ab, mit atemberaubenden Tempi eine geradezu weltliche Fröhlichkeit zu erzeugen, mit exzellenter Sprachtechnik die Vitalität auf eine dramatische Spitze zu treiben, mit grandios beherrschten Chor-Koloraturen (Monteverdi-Choir) ein Musterbeispiel für die musikalische Artikulation zu geben. Daß dazu die English Baroque Soloists auf alten Instrumenten spielen, ist nunmehr längst selbstverständlich. Daß aber dabei auch ein so lebendiger und voller Klang entstehen konnte verdankt sich einer Phrasierungskunst und einer Fülle von kleinen Verzierungszutaten, die selbst in hochkarätigen historisch-kritischen Ensembles nicht alle Tage so mustergültig zu hören sind. Ganz leicht angetupfte Pralltriller auf Instrumenten wie in der Solostimme, nie vordergründig „seufzende“ Achtellegati, exzellent abgehobene Détachés oder mit winzigem Nachdruck ausklingende Linien – dies hat mit akademischer Strenge nichts mehr zu tun. Aber selbst diese Perfektion wird den „philharmonischen“ ihren Bombast und ihr Pathos immer noch nicht austreiben. (Philips 411 458-2)

Heinz Josef Herbort

Hörenswert

Quilapayun: „tralali tralalá“. Nein, so simpel ist das nicht gemeint; die Zeile aus dem Widmungsgedicht dieser Schallplatte lautet: „Der Vogel tralali singt in den Zweigen meines Gehirns.“ Es deutet an, daß es diesen neun Männern der 1965 in Chile gegründeten, 1973 nach Frankreich emigrierten, seither im Exil musizierenden Folkloregruppe Quilapayun um ein poetisches, in diesem Fall mitunter sogar philosophisches „Tralala“ geht. Es ist, wie man ein wenig überrascht zur Kenntnis nimmt, schon ihre fünfzehnte Schallplatte. Sie erinnert, selbstverständlich, immer noch an die Herkunft der Gruppe; das besorgt schon das folkloristische, vorsichtig ergänzte Instrumentarium, aber auch der Charakter der Stücke: unüberhörbar lateinamerikanisch. Und ebenso kann man die Beschaffenheit ihrer wunderbaren Texte kennzeichnen: Gedichte, in denen – über die Liebe, die Morgendämmerung, die Brandung und dergleichen lyrische Bilder – die politische Wirklichkeit der Gegenwart zur Sprache kommt, hochpoetisch, wie es sich versteht. Manchmal wird es – im Rhythmus eines Tangos – sehr direkt: ein Heimkehrbegehren; einmal eröffnet es sich in einer Travestie, in einer „Düstermesse“, in der Galilei und Ptolomäus, Sänger und Chor, gegeneinander singen – Metapher der Menschlichkeit. Aber auch Spaß machen sie (mit „Tutti-Frutti“, nämlich Früchte-Wortspielen). Die Musik hat zwar ihre traditionellen Züge behalten, aber europäische Ergänzungen erfahren – satztechnisch, rhythmisch, harmonisch, eine interessante Verschmelzung. (Verlag „pläne“ 88412)

Manfred Sack

Zwiespältig