Von Rudolf Hoffmann

Draußen brüllt eine Kuh. Eine Kuh? Was hat denn eine Kuh zu suchen im einsamen Tal des Riu Frumin de Tula, am Fuß des Monte Tonneri, in den menschenleeren Bergen Sardiniens? Die Kuh draußen vor dem Zelt scheint wütend zu sein, ihr dumpferwerdendes Brüllen scheucht mich aus dem Schlafsack. Ich öffne den Reißverschluß unseres Zeltes und bekomme einen mächtigen Schreck: Die Kuh dort draußen ist in Wirklichkeit ein Stier. Vor dem Zelt steht ein Prachtexemplar, groß, schwarz und scheinbar schlecht gelaunt. Wir haben uns gestern abend wohl auf seinem Lieblingsplätzchen, einer saftigen kleinen Wiese direkt am Bach, breitgemacht, und er sieht in unserem Zelt einen unbekannten Störenfried.

Nach kurzem Kriegsrat packen wir heimlich unsere Sachen und verdrücken uns, tapfer, tapfer, durch den Hinterausgang. Schnell über den Bach und dann eine felsige Böschung hinauf; dorthin kann uns der Stier hoffentlich nicht folgen. Der tänzelt schnaubend vor dem Zelt hin und her und versucht seinen vermeintlichen Gegner herauszufordern. Dabei scharrt er mit seinen Hufen, daß die Erde nur so durch die Luft fliegt. Wir müssen von unserer Loge aus dem Schauspiel wohl oder übel zusehen und wetten auf die weitere Unversehrtheit des Zeltes keinen Pfennig mehr. Dann naht die Entscheidung. Der Stier senkt den Kopf, erstarrt wie zu einer Salzsäule, macht kehrt und galoppiert davon. Blitzschnell bauen wir das Zelt ab, nichts hält uns mehr in diesem Tal, das uns gestern in seiner karstigen Schönheit so begeistert hatte.

Der Weg führt am Hang des Genna Oliana aufwärts. Der trockene kalkige Boden läßt nur eine spärliche Vegetation zu. Die oft mannshohe Macchia wächst bloß dort, wo genügend Feuchtigkeit vorhanden ist, vor allem in den tief eingeschnittenen Bachtälern, die wie Canons die Hochflächen der Barbagia Seulo durchschneiden und schwer zu passierende Hindernisse sind.

Nach der Durchquerung der Doline Pauli Tunisi stehen wir hoch oben auf einer Kalktafel des Pizzu Arba und schauen 300 Meter tief hinab ins Tal des Riu Taquisara, dort müssen wir irgendwie hinunter. Durch eine schmale Schlucht gelingt uns ein rascher Abstieg, und bald darauf finden wir einen alten Maultierpfad, der uns wieder hinauf zur Serra is Feurras führen soll. Viele dieser alten Pfade, Mulatiera genannt, durchziehen die Insel und sind oft noch gut erhalten. Von den Einheimischen werden sie nicht mehr benutzt, der Motorroller hat das Muli abgelöst. Wer in Sardinien wandert, ist gut beraten, wenn er diesen Mulatiere folgt, da man damit rechnen kann, jeweils in Tagesentfernung eine Mulitankstelle zu finden – eine Quelle. Fast jeder Bach oder Fluß Sardiniens führt nur in den Wintermonaten Wasser und ist im Frühjahr oft schon wieder ausgetrocknet.

Nach zwei Tagen erreichen wir den hoch über dem Riu de Ulassai auf einer Felsnase gelegenen Nuraghen Pranu, der noch sehr gut erhalten ist. Dieser Nuraghen, eine jungsteinzeitliche Fluchtburg, läßt noch viel von dem Widerstandswillen jener Ureinwohner Sardiniens ahnen, die sich immer wieder gegen Feinde wehren mußten, die übers Meer kamen, um die Insel zu erobern, was nie ganz gelang. Heute sind diese Wehrtürme und Fluchtburgen meist stark zerfallen, trotzdem lohnt es sich, sie aufzusuchen. Bedingt durch ihre Verteidigungslage wurden sie immer an Punkten mit guter Fernsicht erbaut.

Dicke, schwarze Wolken sind aufgezogen, hier oben pfeift ein kalter Wind. Wir laufen durch das Tal des Riu Frasara abwärts und finden an dessen Mündung in den Riu Ulassai einen schönen, geschützten Zeltplatz. Wir können noch gerade in Ruhe zu Abend essen, dann öffnet der Himmel seine Schleusen. Ein eisiger Aprilregen, vermischt mit dicken Hagelkörnern, prasselt auf unser Zelt nieder. Nach gut zwei Stunden ist der Spuk vorbei und über uns ein samtschwarzer, sternenfunkelnder Nachthimmel, weit und breit kein Geräusch außer dem Knacken des Feuers und dem leise murmelnden Bach.