Von Jutta Wilhelmi

Die bildungspolitische Landschaft verändert sich. Wohin? Inzwischen ist Alltag, was einst Motto war: „Der einzelne muß aber auch seine Verantwortung tragen, muß die ihm gebotenen Bildungsmöglichkeiten als eine persönliche Herausforderung begreifen.“

Reinhold N., 21 Jahre alt, hat dies begriffen. Aber mit welchem Erfolg? Nach Hauptschule und Lehre wird er Einzelhandelskaufmann. Dann hat er es sich anders überlegt. Er will Diakon werden. Und so besucht er nun die Berufsfachschule für Diakone in Rummelsberg/Bayern. Dort erhielt er entsprechend der neuen Bafög-Regelung – Ausbildungsstätte fern vom Elternhaus – Ausbildungsförderung. Dies aber änderte sich, als die Eltern vom Allgäu an den Bodensee umzogen. Denn was in Marktoberdorf gilt, gilt in Baden-Württemberg noch lange nicht. Der Zuschuß wurde gekappt.

Der ehrenamtliche Bafög-Berater in Nürnberg, Günther Wentzke, könnte am laufenden Band erzählen. Ein gutes Dutzend Leute hängen – Rudi Ratlos – pro Woche an seinem Telephon. Fällt es doch schwer, sich zurechtzufinden im Gewirr der Einschränkungen, Aus- und Eingrenzungen in einem Bundesgesetz, das jedes Land nun nach seinem Geschmack auslegt und ergänzt.

Seit der „Neufassung des Bundesgesetzes über individuelle Förderung der Ausbildung“ (Juni 1983), die selbst der Bundeskanzler ein Jahr später einen „Kahlschlag“ genannt hat, schippern Betroffene zwischen Bafög und Lafög, zwischen Bundesausbildungsförderung und Landesausbildungsförderung, orientierungslos wie weiland Odysseus auf den weiten Meeren. Günther Wentzke nennt „Verwirrung“ den Kern allen „Übels“. Die Ausbildungsförderung sei nicht nur knapper, die sei auch undurchschaubar geworden. Und das trifft vor allem jene, von denen Wentzke mit gewisser Hochachtung spricht, denen er – ganz im Sinne des neuen Slogans, „daß sich Leistung wieder lohnt“ – besondere „Leistungsbereitschaft und Zielstrebigkeit“ attestiert. Bürgern nämlich, die über den beruflichen zweiten Bildungsweg, oft über Hauptschule, Lehre, Berufsaufbau- und Fachoberschule ihrem Lebensziel nahegekommen sind und nun „vor einer Mauer stehen“. Reinhold N. konnte schließlich unbürokratisch geholfen werden. Anderen nicht.

Bei der scharfen Halse, zu der die Konservativen 1982 wg. Staatsfinanzen ansetzten, sind auch ein gut Teil Bildungschancen außenbords gegangen. Wie viele weiß man nicht. Seit geraumer Zeit befindet sich der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesbildungsministerium im Clinch mit dem Deutschen Studentenwerk (DSW). Das nämlich ist der Meinung, daß die Umstellung der Studienförderung auf Darlehen Folgen hat. Jugendliche aus wirtschaftlich schwachen Familien schrecken, so das DSW, vor hoher Verschuldung zurück, lassen das Studieren ganz. An die 30 Prozent Abiturienten drängen inzwischen in die berufliche Bildung. Ein Trend, den man im Bundesbildungsministerium nicht ungern sieht, aber dessen möglichen Auslöser man ungern zugibt. Denn dort führt Palmström die Feder: daß nicht sein kann, was nicht sein darf. „Die Ausbildungsförderung“, so tönt es kühn aus dem Bonner Amt, „wird auch weiterhin ihrer ursprünglichen Zielsetzung gerecht, jungen Menschen die ihrer Neigung und Leistung entsprechende qualifizierte Ausbildung wirtschaftlich zu ermöglichen.“ Aus dem 13. Stock des Ministeriums mag sich das so ausnehmen. Vor Ort sieht es anders aus.

Tatsache ist, daß Hunderttausende von Schülern 1983 aus der Förderung katapultiert worden sind, vor allem Mädchen. Denn 53 Prozent der Geförderten waren Mädchen. Ihr Scheitern steht in hartem Kontrast zum durchaus glaubhaften Engagement der Ministerin in Sachen „Frau“.