Time lag nennt man die Pause, die zwischen einem Ereignis und der verspäteten Reaktion darauf liegt. Wenn zum Beispiel der Groschen erst gar nicht, dann aber sehr laut fällt, hat sich auf neudeutsch ein Time lag dazwischen geschoben. Es ist nichts Besorgniserregendes, früher oder später blockiert es uns alle einmal.

Nun scheint es den Hochschulverband, eine von jeher auf die rechte Ordnung an unseren Universitäten schauende Professorenvereinigung, erwischt zu haben.

Dieser Verband hat kürzlich seine Landesvorsitzenden und eine Handvoll Journalisten zusammengetrommelt, um zu sagen, was gesagt werden muß, auch wenn es jeder schon weiß: Die Studenten sind besser als ihr Ruf. „Den langhaarigen Berufsdemonstranten gibt es nicht mehr.“ Die Meinungsmacher ermunterte man zu gemeinsamen missionarischen Taten – „Helfen Sie uns, das Bild zu entzerren“.

Nachdem die über 11 000 Mitglieder starke Vereinigung siebzehn Jahre lang auf Abstand zur studentischen Jugend gehalten hat, ist sie nun in Liebe zu ihr erwacht und kann sich nicht genug darüber freuen: „Es macht wieder Spaß, die arbeiten bereitwillig mit wie lange nicht.“ Und um die letzten Zweifel auszuräumen, setzte man einige der Prachtexemplare gleich mit an den Tisch. Jeder Landesvorsitzende durfte sich Studenten mitbringen, „die er besonders kennen- und schätzengelernt hat: Wir wollten Ihnen ein Stück Normalität vorführen, die zuwenig zur Kenntnis genommen wird“. Auch wenn die Belobigten sichtlich Mühe hatten, sich gegen allzu pralle Ehrerbietungen zur Wehr zu setzen.

Weniger Ehre wurde der Presse zuteil. Erpicht auf nachrichtliche Würze reduzierte sie ihre Kontakte auf rebellische Repräsentanten im Asta oder in anderen Gremien. Die aber werden bekanntlich nur von einer Minderheit gewählt. „Wer schützt die Studenten vor ihren Vertretern?“

Nach dem letzten Meeting dürfte die Antwort wohl nicht mehr schwerfallen: Im Zweifel der Hochschulverband. Er ist wild entschlossen, sich die zart sprießende Humboldtsche Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden nicht zerstören zu lassen, auch nicht durch Schreiber der verbündeten Journaille. Die hatte noch vor ein paar Jahren sorgsam notiert, was ihr der Verband über die Studenten in den Block diktierte – einen Negativkatalog gefüllt mit Fachlücken, schlechten Allgemeinkenntnissen, „charakterlichen Schwächen“ und „fehlendem Stehvermögen“.

Nun darf gerätselt werden: Irrten die Professoren damals oder heute? Oder hat die neue Erkenntnis schlichtweg ein Phänomen beflügelt, das sich in Gestalt der geburtenschwachen Jahrgänge langsam, aber sicher auf die Universitäten zubewegt, das umworben werden will, wenn es einem später die Gunst schenken soll? Als Willkommensgruß wären die jüngsten Avancen den Ereignissen dann diesmal weit voraus.

Dorothea Hilgenberg