Von Elisabeth Noelle-Neumann

Noch leben sie unter uns. Jeder dritte Erwachsene ist vor 1933 geboren. Noch kann man sie fragen, wie sie den 8. Mai 1945 erlebt haben, die damals zwölf Jahre und älter waren, und wie sie sich an die Zeit zwischen 1945 und 1948 erinnern.

Von zehn der vor 1933 Geborenen sind sechs Frauen. Bei vielen Fragen, die das Allensbacher Institut in einer Repräsentativbefragung mit rund 2000 Interviews im März 1985 zum Thema der Kapitulation stellte, muß man die Antworten für Männer und Frauen trennen. Achtzig Prozent der heute noch lebenden, vor 1933 geborenen Männer waren am Tag des Kriegsendes Soldaten oder Kriegsgefangene. Jeder zehnte davon war am 8. Mai 1945 im Lazarett. Von den Frauen, die vor 1933 geboren sind, erlebte jede sechste das Kriegsende als Wehrmachtshelferin, im Lazarett oder in Kriegsgefangenschaft. Jede dritte dieser Frauen war bei Verwandten untergekommen oder evakuiert worden. 54 Prozent erlebten das Kriegsende zu Hause, an ihrem Wohnort.

Insgesamt waren 60 Prozent der Deutschen irgendwo unterwegs. Vierzig Prozent der Männer befanden sich außerhalb der Grenzen des ehemaligen Reichsgebiets, mehr als vierzig Prozent waren Kriegsgefangene. Zur gleichen Zeit wälzte sich der Flüchtlingsstrom nach Westen. Von den heute im Bundesgebiet Lebenden, die aus dem Osten stammen und vor 1933 geboren sind, sagen rund vierzig Prozent, daß sie sich am Tag der Kapitulation auf der Flucht oder im Flüchtlingslager befanden.

Wie erlebte die Kriegsgeneration damals das Kriegsende? Unsere Frage lautete: „Was waren eigentlich ihre Empfindungen am 8. Mai 1945 bzw. an dem Tag, an dem sie von der Kapitulation erfahren haben? Können Sie sich daran noch erinnern? War es mehr das Gefühl der Niederlage, oder überwog das Gefühl der Befreiung?“ Ein Drittel der Männer, ein Fünftel der Frauen erinnern sich, daß sie vor allem ein Gefühl der Niederlage hatten. Die Mehrheit – 58 Prozent insgesamt, 47 Prozent der Männer, 65 Prozent der Frauen – erlebte den Tag als Befreiung. Das gilt auch für 54 Prozent der heute Lebenden, die aus dem Osten stammen; nur 31 Prozent sagen, sie hätten vor allem die Niederlage empfunden. Das Gefühl der Befreiung überwog also aufs Ganze gesehen.

Zwei Drittel der befragten Deutschen hatten am 8. Mai 1945 bereits die Ankunft der Besatzungstruppen erlebt. Für die meisten waren es Amerikaner, für 13 Prozent Briten, die in der Erinnerung weitaus am erfreulichsten erscheinen; nur 14 Prozent kommentieren das Verhalten der britischen Besatzungstruppen negativ gegenüber 20 Prozent, die die Amerikaner, und 44 Prozent, die die französischen Besatzungstruppen erlebten. Den Einmarsch der russischen Truppen empfanden dagegen 67 Prozent (75 Prozent der Frauen) als negativ.

Was hieß das damals eigentlich? leben? Das hieß überleben, hungern, hamstern, auf dem Schwarzmarkt tauschen. Die eigentümliche Erinnerung an die Gleichheit, die völlige Aufhebung der sozialen Schranken wird deutlich. Es gibt so gut wie keine Unterschiede zwischen den Auskünften von Arbeitern und ihren Frauen und denen von Angehörigen der gehobenen Berufsgruppen und ihren Frauen: Rund zwei Drittel aller Befragten waren am Schwarzmarkt, am Hamstern, am Hungern beteiligt. Auch die Generationsunterschiede waren verschwunden.