Von Wolfgang Zank

Als vor gut dreizehn Jahren Dänemarks Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft zur Diskussion stand, hatte Hans Scherfig, einer der hervorragendsten Literaten des Königreiches, eine mehr als beunruhigende Vision: "Die Einwohner unseres Landes sollen Service-Bedienstete werden. Ein Volk von Schuhputzern und Kofferträgern, Kellnern und Touristenführern, Tankwarten und Verkäufern, Go-go-Girls und Prostituierten. Wir werden zu dienstbaren Geistern erzogen. Der produzierende Arbeiter wird zum Trinkgeldempfanger umgeschult. Wir sollen die Herrenvölker bedienen. Das ist es, was sie mit uns vorhaben, die vaterlandslosen Couponschneider und diese Arbeiterregierung, die sich schon so ausgezeichnet als Lakai bewährt hat."

Viele von Scherfigs Landsleuten hatten ähnliche Befürchtungen, und mehr als ein Drittel stimmte bei der Volksbefragung zum EG-Beitritt im Oktober 1972 mit "Nein".

So schlimm wie von Scherfig seinerzeit ausgemalt, ist es nun nicht gekommen. Dennoch ist eine weitverbreitete Skepsis gegenüber der Gemeinschaft geblieben. Bei Umfragen werden jetzt sogar Mehrheiten für die EG-Gegner ermittelt. Allerdings sind gerade in letzter Zeit deutliche Signale für einen Positionswechsel vieler Gegner der EG zu beobachten, fort von der zunehmend als steril empfundenen Austrittsforderung und hin zu einer Politik, die auf Reform und Demokratisierung der Gemeinschaft zielt. "Die einzige Alternative zur EG ist eine bessere EG", wie es Anfang des Jahres Torben Krogh formulierte, Chefredakteur der EG-kritischen Tageszeitung Information.

Trotz dieser Entwicklung nimmt Dänemark aufgrund der weitverbreiteten EG-Gegnerschaft nach wie vor eine Sonderstellung ein. Jeder Schritt, den eine Regierung in Kopenhagen in Sachen Europa unternimmt, wird von einer stets wachen, stets das Schlimmste befürchtenden Opposition genauestens unter die Lupe genommen. Innerhalb des Parlamentes arbeitet ein eigener EG-Ausschuß. Mit diesem Gremium hat die Regierung alle wichtigen Punkte zu besprechen, und dort muß sie vor Verhandlungen jedesmal ein Mandat einholen.

Zielvorstellungen wie "Vereinigte Staaten von Europa" sind unpopulär, selbst bei Befürwortern der EG. Als Wirtschaftsgemeinschaft wird die EG gerade noch akzeptiert, nicht jedoch als Keim einer politischen Union. Darum wird auch die europäische politische Zusammenarbeit immer sorgfältig getrennt von der EG verbucht; die Teilnehmerstaaten der europäischen politischen Zusammenarbeit sind eben nur zufällig auch alle gleichzeitig in der EG.

Abgelehnt wird zur Zeit auch ein weiterer institutioneller Ausbau der Gemeinschaft. Dies gilt auch für die bürgerlichen Regierungsparteien. Hier markierte eine Parlamentsresolution vom 28. Mai letzten Jahres eine unzweideutige Grenze: Keinen Kompetenzzuwachs für die Brüsseler Institutionen, keine Abschaffung des Vetorechtes. Auch eine Erweiterung des Geltungsbereiches der Römischen Verträge auf neue Felder der Zusammenarbeit wie beispielsweise Kultur oder Gesundheitswesen kommt nicht in Frage.