Von Gisela Ullrich

Albergo Ristorante Stella d’Oro – da Gavino“ stand über der schmucklosen Eingangstür. Die Hausfront grenzte hart an die Straße, wo einige Jugendliche auf Mofas ihre Runden drehten. Durch die offene Tür sah ich eine Frau mit schwarzem Kopftuch, die den Flur kehrte. Sie gefiel mir, also trat ich ein. Ganz hinten in einer dunklen Ecke saß der Padrone über seinen Büchern. Der Gast beeindruckte ihn überhaupt nicht. Doch wider Erwarten stand er schließlich auf, nahm meinen Koffer, trug ihn die Treppe hinauf und schloß ein Zimmer auf. Als ich mich zu ihm umwandte und „d’accordo“ sagte, hatte ich die Prüfung bestanden. Wem es bei Gavino nicht gefällt, der soll doch ins Grandhotel gehen, wem es aber gefällt, der wird mit offenen Armen aufgenommen.

Gavino Cherchi ist ein ungewöhnlicher Wirt. Nicht von der urwüchsig deftigen Art, vielmehr klein und zierlich. Er ist bescheiden, jedoch niemals servil: ein Herr auch dann noch, wenn er, der 71jährige, fremdes Gepäck schleppt. Er hat das von Wind und Wetter gezeichnete Gesicht eines sardischen Hirten, dem der grau gewordene Oberlippenbart – zu beiden Seiten in einem imposanten Schnörkel endend – Grandezza verleiht. In den Augen hinter der großen dunklen Brille liegt die verhaltene Schwermütigkeit seiner Heimat. Die kann plötzlich, von einem meckernden Lachen begleitet, in Heiterkeit umschlagen. Dann blitzt jugendliche Abenteuerlust aus dem Großvatergesicht.

1928 gründete Gavinos Vater eine Locanda. Am weiten Sandstrand von Villasimius lagen noch keine Touristen in der Sonne, nur die Pferde wurden dort gewaschen. Im Ort lebte ein einziger Fischer, und der stammte aus Neapel. Straßen gab es nicht, doch kamen Händler, die in Cagliari ihre Geschäfte mit Mandeln, Zitronen und Schafwolle machten, auf dem Weg zur Hauptstadt hier vorbei. Saßen die Cherchis gerade beim Essen, wurde geteilt. Andernfalls holte man schnell ein paar Eier vom Hühnerhof oder was es sonst gerade gab.

Hatten die Dorfbewohner schon über den alten Cherchi mit seinen gastronomischen Ambitionen den Kopf geschüttelt, so schien ihnen Gavino, als er das erste Auto von Villasimius fuhr, vollends verrückt zu sein. Zu Beginn der fünfziger Jahre stockte er die Locanda auf und machte daraus ein kleines Hotel mit elf, später mit 14 Zimmern. 1954 kam der erste Tourist, ein deutscher Schriftsteller: Ernst Jünger. Der fand hier gerade noch den Platz ohne elektrischen Strom, den er gesucht hatte, eben erst hatte man angefangen, Leitungen zu verlegen. Mit Bedauern vermerkt er in seinem Reisetagebuch „Am Sarazenenturm“: „Damit kommen dann außer der mechanischen Beleuchtung auch der Rundfunk, das Lichtspiel und all die kleinen Maschinen, die mit Strom laufen.“ In der „Stella d’Oro“ saßen abends „die neuen Promethiden des Ortes, die Elektriker, dazu die Zöllner, ein Taucher mit seiner Mannschaft, ein Taglöhner, ein Hirt, zwei Flickschuster“. Und Gavino ging als „Signor Carlino“ in die Literatur ein. Die Freundschaft der Cherchis mit ihrem ersten Touristen besteht bis heute.

Seit 1956 leuchtet Gavinos „Goldener Stern“ elektrisch. Auch die kleinen Maschinen, die mit Strom laufen, und der Farbfernseher sind da. Duschkabinen wurden eingebaut. Aus dem früher zur Straße offenen Hof entstand ein Innenhof, in dem tagsüber immer ein paar der elf Enkelkinder spielen und abends die Gäste um den leise plätschernden Brunnen sitzen. In der Küche steht ein moderner Herd, gekocht aber wird noch wie bei Vater und Mutter: Minestra, Fisch und Meeresfrüchte. Für Hirten und Flickschuster sind Gavinos Preise unerschwinglich. Dennoch hat er bei allem Geschäftssinn den ursprünglichen schlichten Stil gewahrt. Nicht der bloße Reichtum ist sein Ziel, sondern die Erhaltung und Erweiterung des Familienbesitzes – nun, seit Übergabe des Hotels an seinen Sohn Antonio, bereits in der dritten Generation.

Mit einer Flasche Malvasia, Jahrgang 1970, setzt. er sich zu mir an den Tisch. Er selbst trinkt keinen Alkohol, hat ihn nie gemocht, läßt dafür die Zigarette nicht ausgehen. „Wir haben noch Opfer gebracht“, sagt er, und das Wort „sacrificio“ wiederholt er mehrmals mit Nachdruck. Sie, die Alten, hätten Stück für Stück langsam auf den soliden Fundamenten der Väter aufgebaut. Die junge Generation aber wolle ein schnelles Geld verdienen, von dem ihr am Ende doch nichts bliebe. Er zeigt mir sein Gästebuch, Photos, einen Hotelführer aus dem Jahr 1961, in dem „Stella d’Oro“ noch die einzige Unterkunft in Villasimius bot. Sein Stolz auf das, was er erreicht hat, ist unverkennbar, aber sein Glück ist die Familie. Immer neue Kinder und Erwachsene, ich weiß nicht welchen Verwandtschaftsgrades, sitzen am Familientisch im Speisesaal, helfen in der Küche. Die Kleinsten räumen die Tische ab und falten eifrig Servietten. Im Vestibül, wo die Gäste aus- und eingehen und Gavinos Schreibtisch steht, hält der Wirt sein Mittagsschläfchen auf dem Sofa, wird das Baby gewickelt, häkelt die Oma.

Im Speisesaal hängt ein Bild von Gavinos Vater, an der Wand gegenüber, eingerahmt, die Seite eines alten Merianheftes, die von der „Stella d’Oro“ erzählt. Gavino wird gefragt, warum er kein Wirtshausschild vor die Tür hänge, und er antwortet: „Sympathische Menschen finden instinktiv zu mir.“