Von Hans Jakob Ginsburg

Der Reverend Kirk A. Kubicek aus Chicago trug die rotweiße Stola des Priesters der amerikanischen Episkopalkirche über dem für einen naßkalten Münchener Maimorgen viel zu dünnen Anzug. Ein Mitdemonstrant reichte ihm ein zweites symbolisches Übergewand: das violette Tuch der deutschen christlichen Atomrüstungsgegner. Kirk Kubicek gedachte am Grab der Geschwister Scholl der deutschen Opfer der Nazi-Barbarei – um so seine Abscheu gegen den zwei Tage später anstehenden Besuch Ronald Reagans an den Gräbern von Bitburg zu manifestieren. Daß der eigene Präsident Gräbern von SS-Angehörigen die Reverenz erweisen wollte, schockiere alle Amerikaner, nicht nur die Juden: Das wollte Kubicek den Deutschen demonstrieren, aber auch seinen jüdischen Landsleuten, deren American Jewish Congress die Ehrung von Hans und Sophie Scholl organisiert hatte.

So unterschiedlich die Motive, so verschieden die Formen der Proteste gegen Reagans Staatsbesuch und gegen den Bonner Gipfel waren – sie alle brauchten, wie Reagan und Kohl auch, Leitbilder, gegen die wenigstens im eigenen politischen Lager keiner etwas einwandte; sie brauchten Ideale, die Solidarität stifteten statt Differenzen aufzudecken. Das galt für die kleinen Demonstrationen gegen den Besuch des Bitburger Soldatenfriedhofs wie für das "Friedensfest" von 6000 pfälzischen Sozialdemokraten im Schatten des Hambacher Schlosses oder das "Tribunal" der Grünen und Linksradikalen, die nach Bonn gekommen waren, um dem Weltwirtschaftsgipfel den Prozeß zu machen, weil die Politik der kapitalistischen Staaten doch nur der weltweiten Ausbeutung diene.

Die Ideale müssen von weither kommen: aus der historischen Ferne wie die Geschwister Scholl oder die Hambacher Demokraten von 1832, derer die Gegendemonstranten in der Pfalz immer wieder gedachten. Oder aus der geographischen Ferne: Nicaragua muß die deutsche Linke von 1985 einen, ähnlich wie die Sympathie für die unterdrückten Polen 1832 deutsche Liberale und Demokraten in Hambach vereinte. Über Näherliegendes gäbe es Streit; das Ferne stiftet Gemeinsamkeit.

Kein Mensch in Amerika wäre wohl auf die Idee gekommen, im Mai 1985 die Gräber von Hans und Sophie Scholl zu ehren, hätte nicht Reagan beschlossen, Bitburg zu besuchen, hätte die peinliche Vorgeschichte der Reise den Abstecher des Präsidenten nach Bergen-Belsen nicht entwertet.

Die Demonstranten aus Amerika hatten ein Symbol gesucht und die von aller Realpolitik unbefleckten Märtyrer um die Geschwister Scholl entdeckt, Opfer Hitlers, über jeden Tadel erhabene Deutsche, entrückt von der Gegenwart. Gegen die Ehrung kommunistischer, sozialdemokratischer, konservativer Widerstandskämpfer hätte mancher vielleicht Einwände gehabt; das feierliche Gedenken zu Ehren der idealistischen Münchener Studenten war unproblematisch, war freilich auch eine Demonstration der Ohnmacht: Jeder wußte, daß der amerikanische Präsident 48 Stunden vor dem Abflug nach Bitburg bei seiner Entscheidung bleiben würde. Bitter fragte ein amerikanischer Jude, in Deutschland geboren, warum deutsche Journalisten gerade jetzt von der "Macht der Juden" in Washington schrieben, von finsteren Feinden der Deutschen in ausländischen Medien: "Haben die das bei Doktor Goebbels gelernt?"

Jede Gegendemonstration braucht bequeme Ideale, hehre und unumstrittene Leitbilder, die möglichst wenig mit der komplizierten unmittelbaren Umgebung zu tun haben. Ein politischer Gast aus der Ferne kann so ein Leitbild trefflich verkörpern – wie Maria Schmidt Cuadra, Abgesandte aus Managua, auf dem sozialdemokratischen Friedensfest in Neustadt. Die Witwe eines sandinistischen Ministers, der einmal in Köln studiert hatte, brachte sozialdemokratische Väter und Enkel gemeinsam zum Jubeln; Nicaragua einte die Redner Hans-Jürgen Wischnewski und Oskar Lafontaine. Der neue Ministerpräsident an der Saar erntet gewiß auch Beifall, wenn er von Dingen spricht, die auf der eigenen Haut brennen – zum Jubel wird der Applaus aber, wenn Lafontaine in die Ferne schweift, von Nicaragua spricht und von Amerika – dem besseren Amerika, dem Land Abraham Lincolns und der rüstungskritischen katholischen Bischöfe.