Die Familie ist die Keimzelle des Staates“, hieß einmal ein Schlagwort politischer Unkultur. Aber das erbt sich offenbar fort und fort, unter allen Vorzeichen. „Freundschaft!“ ist nunmehr angesagt, so als sollten wir uns mit Halstuch und fähnchenschwenkend einreihen in Erich Honeckers FDJ zum Gruß an den großen Bruder: Freundschaft mit Amerika.

Gustav Heinemann sei es geklagt: Immer diese Verwechslungen – des Privaten und Persönlichen mit dem Öffentlichen, dem Politischen. Doch es handelt sich um verschiedene Sphären, und das Unterscheiden bleibt wichtig. Freundschaft ist, wie Liebe, konkret oder gar nicht. Sie riecht, schmeckt, nimmt Gestalt an. Darum kann man seine Heimat lieben. Und Freundschaften zwischen Menschen mögen sich entwickeln; Helmut darf Ronald seinen Freund nennen oder sogar Franz Josef, den Dolch im Gewande. Aber Freundschaft, Liebe, zwischen Deutschland und Amerika, zwischen der Bundesrepublik und den Vereinigten Staaten?

Wer alles persönlich nimmt, mit dem kann man nicht reden, es sei denn, ihm nach dem Munde. Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, mit Konflikten, mit Sachdifferenzen noch angemessen umzugehen. Wo daher Freundschaft als kategorischer Imperativ der Politik verkündet, gefordert, eingeklagt wird, liegt die Feindschaft schon auf der Lauer. Man höre sich in Osteuropa einmal um, wie die Leute über die Russen reden! Und wer lauthals die Freundschaft mit Amerika proklamiert, sollte sich über deren Kehrseite, über grassierenden Anti-Amerikanismus weder wundern noch beklagen.

Wo man das Politische mit dem Persönlichen verwechselt, werden Klischees gestanzt, wuchern die Vorurteile: Die Amerikaner, die Deutschen, Polen, Franzosen, Japaner, Juden, Neger, Kommunisten sind nun einmal, wie sie sind, ihrer Natur nach, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Dabei gibt es doch überall die einen und die anderen, die dünnen und die dicken, die schönen und die weniger schönen, die klugen und die törichten Leute. Unterschiede überall, vieldimensional und, neben vielem anderen, zum Beispiel regional: Die Bayern werden es sich verbitten, mit „Preußen“ oder „Nordlichtern“ verwechselt zu werden; Hanseaten geht rheinischer Frohsinn auf die Nerven; Helmut ist nicht gleich Helmut. Entsprechend oder erst recht jenseits des Atlantiks: Der Mann aus Boston wird die Fassung verlieren, wenn man ihn für einen Texaner hält; New York hat mit Los Angeles wenig gemein, erst recht nicht mit der Kleinstadt in Ohio.

Selbstverständlichkeiten? Mag sein. Aber wo die Keule der Freundschaft erst einmal hinlangt, da wächst bald kein Gras mehr. Da bleibt nur das Entweder-Oder: „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag’ ich Dir den Schädel ein.“

In den Worten Carl Schmitts: „Die eigentliche politische Unterscheidung ist die Unterscheidung von Freund und Feind ... Zum Begriff des Feindes gehört die im Bereich des Realen liegende Eventualität eines bewaffneten Kampfes, das heißt hier eines Krieges ... Der Krieg folgt aus der Feindschaft, denn diese ist seinsmäßige Negierung eines anderen Seins ... Erst im Krieg zeigt sich die äußerste Gruppierung nach Freund und Feind. Von dieser äußersten Möglichkeit her gewinnt das Leben der Menschen seine spezifisch-politische Spannung.“

Nein: hier wird die Angst, die Flucht vor der Komplexität des Politischen zur Ideologie gemacht, zum Wahn des Entweder-Oder gesteigert. Carl Schmitt entwarf seine Freund-Feind-Perversion des Politischen zur Zeit der Weimarer Republik. Was daraus geworden ist, sagt uns die Geschichte, an die wir in diesen Tagen erinnert werden: Zerstörung der ersten deutschen Republik, „Machtergreifung“ und Proklamation der „Volksgemeinschaft“, der Weg in den Krieg und zur „Endlösung“.

Seien wir also doch endlich nüchtern, hören wir damit auf, so edle Dinge wie Freundschaft und Liebe zum Geschwätz zu erniedrigen, sprechen wir – zum Beispiel – von gemeinsamer Verantwortung! Verantwortung dafür, die Freiheit zu verteidigen, den Frieden zu wahren: Wäre das nicht genug? Christian Graf von Krockow