Von Johannes Grotzky

Moskau, im Mai

Den Sowjetbürgern wird Moskaus Engagement in Nicaragua fast täglich vor Augen geführt. In regelmäßigen Abständen flimmern über ihre heimischen Bildschirme Traktoren, die von Schiffskränen auf nicaraguanischen Boden gesetzt werden – wahlweise handelt es sich auch um Lastwagen, Spaten oder um Ersatzteile für eine Pumpstation. Den Einsatz von Lehrern, Ärzten und Ingenieuren im mittelamerikanischen Land der Revolution würdigen regelmäßig nahezu alle Blätter im Sowjetland mit bebilderten Reportagen. Dabei wird viel vom Kampf um Unabhängigkeit geschrieben, mehr aber noch von der hegemonistischen Politik der Vereinigten Staaten und ihren ständigen Drohgebärden einer militärischen Intervention. Doch dies ist auch der einzige Zusammenhang, in dem das Wort „militärisch“ fällt. Moskau vermeidet seinerseits jeden Hinweis auf ein mögliches militärisches Engagement in Nicaragua. Den scharfzüngigen Kommentaren, in denen die Politik Washingtons gegeißelt wird, folgt keine umfangreiche Waffenhilfe – ganz im Gegenteil.

Michail Gorbatschow konnte den nicaraguanischen Bittstellern bei ihrem Besuch vergangene Woche in der sowjetischen Hauptstadt nur Worte der Unterstützung, aber wenig konkrete Hilfe mit auf den Weg geben. Demonstrativ stufte die protokollbewußte Sprache des Kreml die Begegnung zwischen Gorbatschow und Staatspräsident Daniel Ortega auf der Ebene von „Freundschaft und vollständigem gegenseitigem Verständnis“ ein. Damit wird der Öffentlichkeit gezeigt, daß Nicaragua graduell nur geringfügig hinter den sozialistischen Waffenbrüdern rangiert. Doch die entscheidende Einschränkung für die zukünftigen Beziehungen ist ebenfalls als amtliche Verlautbarung formuliert: „Die UdSSR wird auch weiterhin freundschaftliche Hilfe bei der Lösung dringlicher Aufgaben der wirtschaftlichen Entwicklung sowie politische und diplomatische Unterstützung bei der Verteidigung seiner Souveränität leisten.“

In den Medien, vor den Vereinten Nationen und im bilateralen Handel wird sich Moskau also weiterhin und verstärkt für die Sandinisten einsetzen. Doch gleichzeitig trägt diese Formel den Einflußsphären der Großmächte Rechnung. Die sowjetischen Strategen wissen, daß Nicaragua zu weit entfernt liegt, um sich dort in ein riskantes Manöver nach dem Vorbild etwa Afghanistans einzulassen. Das wäre selbst dann nicht möglich, wenn die Regierung in Managua ein offizielles Hilfeersuchen an Moskau richten sollte. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Bruder des Staatspräsidenten, Verteidigungsminister Humberto Ortega, die Kremlherren im vertraulichen Gespräch um mehr schwere Waffen gebeten. Wie damals aus der Umgebung des Nicaraguaners kolportiert wurde, habe er aus seiner Enttäuschung über die ablehnende Haltung Moskaus keinen Hehl gemacht, aber er mußte die Kompromißformel akzeptieren: Lieferung möglichst nur über Drittländer und möglichst nur leichte Waffen.

Auch unter Gorbatschow war nicht mehr zu erreichen als ein Wirtschaftsabkommen, dessen Text jedoch nicht veröffentlicht wurde. Dennoch stellte der Kreml klar, daß dieses Abkommen nur die Bereiche Leichtindustrie, Transportwesen, Erziehung und Kommunikation umfaßt. Die enorme Steigerung des Handelsvolumens zwischen beiden Staaten auf umgerechnet etwa 510 Millionen Mark jährlich ist trügerisch, denn dieser Warenaustausch ist eine Einbahnstraße: Moskau liefert technische Ausrüstung auf Kredit, während umgekehrt Nicaragua wenig bis nichts anzubieten hat. Bemerkenswert ist jedoch, daß Moskau bislang nicht auf die Lieferung von Kaffee drängt, der im Sowjetreich zu den seltenen und fast unerschwinglichen Gütern zählt. Statt dessen kann Nicaragua diese Ware noch auf anderen, devisenbringenden Märkten absetzen.

Angesichts der recht teuren Unterstützung für die sandinistische Revolution kommt das amerikanische Embargo gegen Managua dem Kreml ungelegen. „Eine verbrecherische Aktion, schändlich, ungesetzlich“, lautet der Tenor, mit dem diese politische Pression kommentiert wird. Ohnehin unterstellt die Moskauer Führung dem amerikanischen Präsidenten, er hege einen pathologischen Haß auf die Sandinisten. Die jüngsten Ereignisse machten es der Presse leicht, den großen Bogen der Kritik zu spannen: Der Bonner Wirtschaftsgipfel habe Lippenbekenntnisse über Handelsfreiheit zutage gefördert, die nun am konkreten Fall Nicaragua gleich mißachtet würden. Und Reagans Besuch auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg provozierte die Schlußfolgerung: Wenn der Präsident schon den toten SS-Leuten die Ehre erweise – was soll ihn dann noch hindern, den lebenden Nachfolgern dieser Gesinnung Millionen Dollar für den Kampf gegen die Sandinisten zu geben?