Von Dietrich Strothmann

Nürnberg, im Mai

Es gab genug Bilder: Bitburg, Bergen-Belsen, Hambach. Es gab davon in den letzten Tagen mehr als genug. Es gab auch genug Worte: „Wir haben aus der Geschichte gelernt“ – „Versöhnung über den Gräbern“. Auch solche Versprechungen sind inzwischen zu häufig benutzt worden. Bilder und Worte einer Woche: abgegriffen, abgenutzt.

Gegen das Regierungsprogramm zum 8. Mai mit Staatsakt und ökumenischem Gottesdienst im Kölner Dom wollten die Sozialdemokraten ein Gegenprogramm setzen – eine andere Demonstration des guten Willens und der Versöhnungsbereitschaft, auf niedrigerem, doch eindrucksvollerem Niveau. Außer einem „Manifest“ zu Vergangenheit und Zukunft boten sie neun prominente Gäste aus West- und Osteuropa auf, dazu Sänger und Musikanten zu einem abendlichen „Programm für den Anfang“.

Nürnberg war die Stadt ihrer Wahl zu dieser Gegenveranstaltung, gerade Nürnberg: die Stadt der „Reichsparteitage“ und der Rassengesetze, die Stadt Julius Streichers und des Militärtribunals der siegreichen Alliierten. Die Stadt aber auch, die unter dem Hagel von Bomben und Granaten zu achtzig Prozent zerstört worden war. Es war damals eine deutsche Stadt wie kaum eine zweite: Symbol der Geschichte von zwölf Jahren, Bühne von Schuld und Strafe.

Nürnberg, im Mai vor 40 Jahren. Der stellvertretende Gauleiter und „Reichsverteidigungskommissar“, Karl Holz, ordnete die Verteidigung der Dürer-Stadt an, bis zum letzten Mann: „Ich bin kein Reichsunterwerfungskommissar.“ Zwei Tage später war Holz tot. Ein Zeuge erinnert sich an einen Jungen, dessen Vater noch zwei Tage vor der Kapitulation am 20. April, dem Geburtstag des „Führers“, als Volkssturmmann wegen „Feigheit vor dem Feind“ von der SS erschossen worden war. Ein anderer Zeuge sieht noch einen Jungen vor sich, der im Rucksack seine tote Schwester durch die Trümmerstraßen schleppte. Zwei Jahre danach hatte die Neue Zeitung, das Blatt der amerikanischen Besatzungsmacht, den heimgekehrten Kritiker Alfred Kerr nach Nürnberg geschickt. Er schrieb: „Das war eine Stadt. Und ist eine Schutthalde. Das war gemütlich-bürgerlich. Und es ist ein Grauen. Ein Grauen ohne Tragik. Eine Häßlichkeit. Eine Trostlosigkeit. In den Meistersingern von Nürnberg‘ klang es behaglich, friedvoll: ‚Wie duftet doch der Flieder...‘ Es hat sich ausgeduftet.“

In dieser Stadt nun trafen sich im Mai 1985 die Sprecher der anderen Städte: von Köln und Dresden, Coventry und Rotterdam, von Wolgograd und Villeneuve d’Asq, Leningrad und Lidice, von Warschau und Oradour – jede Stadt ein Mahnmal des Krieges und des Verbrechens. In der Meistersingerhalle, vor den Fahnen ihrer Länder, klagte niemand an, beschwor niemand noch einmal die Untaten der Massenerschießungen und der Massenbombardierungen. Dafür rühmte der eine die „glorreiche Sowjetunion“ in grellen Farben, wünschte der andere den Gastgebern den Wahlsieg am nächsten Sonntag in Nordrhein-Westfalen. Aber auch das, was in dieser Demonstration gemeinsamen Gedenkens und gemeinsamen Hoffens eigentlich fehl am Platze sein mochte, gab nicht den Ausschlag.