ZDF, Donnerstag, 2. Mai: „Schwarze Säulen weißer Macht“. Die „städtischen Schwarzen“ in Südafrika. Bericht von Helmut Lange.

Um mit einem formalen Einwand zu beginnen: Der Film war zu vollgepackt. Fünfundvierzig Minuten Bild, (fast) fünfundvierzig Minuten Text. Wenn Bild- und Textinformation aber so zusammengedrängt sind, ist der Zuschauer überfordert. Zumal, wenn die Texte kompliziert sind. Gerade weil das Medium Fernsehen dem Zuschauer die doppelte Konzentration abverlangt, nämlich die des Hinsehens und die des Hinhörens, muß einfach (nicht simpel) formuliert werden. Der Satz „Von über 200 000 Schulkindern in Soweto hat nur ein Viertel Prozent im Pace College Ausbildungschancen, die denen einer weißen Schule gleichkommen“ verleitet zumindest zum Nachrechnen. Ein Viertel Prozent von 200 000 macht.. .?

Der formale Einwand ist auch ein inhaltlicher. In fünfundvierzig Minuten wurde ein knappes Dutzend Beispiele südafrikanischer Reformpolitik vorgeführt: ein von Schwarzen gestellter Stadtrat, ein Supermarkt, eine Kerzenfabrik, ein Frisiersalon, ein Krankenhaus, eine Bank, Hausbau im Do-it-yourself-Verfahren, eine Tageszeitung, einige Schulen. Jedes dieser Beispiele natürlich mit spezifischen politischen und/oder ökonomischen Problemen. Das ist viel zu viel. Da bleibt für niemanden und nichts genügend Zeit. Es kommen auch nur vier, fünf Schwarze zu Wort, kurz, kurz, alles andere erzählt der Autor im Kommentar selbst, Bilder sind nur Teppich für seine vielen Informationen: Verfassungsänderung, Reformschritte, Wohnungsnot, Ausbildungs- und Arbeitsprobleme, politische Zensur und, und, und. Zuviel des Guten.

An ganz wenigen Stellen des Films, etwa wenn Tutu, der Bischof und Friedensnobelpreisträger, gemeinsam mit anderen Schwarzen zu tanzen beginnt, oder, am Schluß des Films, wenn die Schwarzen demonstrieren, rebellieren, die Fäuste in die Luft strecken, da leben die Bilder, da ahnt man, was man hätte sehen können. Fernsehen heißt doch auch sehen, also muß man zeigen, wenn man nicht ein optisch sprödes Thema umzusetzen hat. Aber Südafrika? Soweto? Ein „optischeres Thema“ ist kaum vorstellbar. Ich weiß, der Autor wollte nicht die Probleme der Ärmsten darstellen, sondern die Ansätze der Reformen, die den privilegierten Schwarzen ein Mindestmaß an Selbstbestimmung und Beteiligung einräumen und damit einen „friedlichen Wandel“ einläuten sollen. Aber sind diese „städtischen Schwarzen“, die bei Nachweis einer ununterbrochenen Arbeit (zehn Jahre bei einem, fünfzehn Jahre bei mehreren Arbeitgebern) wenigstens Aufenthaltsgenehmigung in schwarzen, städtischen Wohngebieten erhalten, die zur Mittelklasse oder zu einer hauchdünnen Oberschicht aufgestiegen sind – sind sie typisch für das, was unter „friedlichem Wandel“, Wandel durch Machtbeteiligung zu verstehen ist? Oder sind die vorgeführten Beispiele von der Regierung genehmigte Beispiele, Ausstellungsstücke für das deutsche Fernsehen?

Gewiß, der Autor setzt am Ende des Films seine Fragezeichen. Läßt Schwarze sagen, daß die Unterdrückung noch so ist wie in den fünfziger Jahren; daß Streiks und Unruhen zu erwarten sind; daß genehmigte Mischehen noch keine Reform darstellen; daß irgendeine Machtteilung zwischen Schwarz und Weiß kommen muß: „Es geht um den Kern der Reformen.“ Welcher? Als Zeitungsleser und Fernsehzuschauer ahnt man, worum es geht. Aber das hätte man nun gern konkreter gehört. Wenn er nicht durfte, wie er wollte, hätte er das mitteilen sollen. Auch das wäre eine Aussage über den propagierten „Wandel“ gewesen. So blieb man auf Spekulationen angewiesen. Und wartete auf – ja, auf Einordnung, Schlußfolgerung. Wartete umsonst. Lea Rosh