Von Günter Grass

Der 8. Mai kerbte sich in meinen Lebenslauf als Zäsur; diese Kerbe ist seitdem eher tiefer geworden, zumal sie meinem siebzehn Jahre alten Unverstand nur ungenau bewußt wurde.

Dank einer leichten, aber ausreichenden Granatsplitterverletzung erlebte ich den Tag der bedingungslosen Kapitulation des Großdeutschen Reiches im Lazarett. Bis dahin war meine Erziehung als Drill im Sinne nationalsozialistischer Zielvorstellungen verlaufen. Gewiß waren gegen Kriegsende diffuse Zweifel aufgekommen, doch von Widerstand keine Rede. Kritik rieb sich allenfalls am Zynismus militärischer Befehlsgewalt, an Parteibonzen, die als Drückeberger angesehen wurden und an unzureichender Verpflegung. Außer der Waffentechnik des Tötens hatte ich bis dahin zweierlei gelernt: ich kannte die Angst in- und auswendig und wußte, daß ich nur zufällig am Leben geblieben war; zwei Einsichten, die sich bis heute nicht verflüchtigt haben, die ich nicht wachhalten muß, die, einmal gewonnen, besonders als Kenntnis der Angst, Gewinn sind!

Gleich nach der Gewißheit, besiegt zu sein, bedeutete für mich und viele, die in benachbarten Lazarettbetten lagen, die bedingungslose Kapitulation: Befreiung von Angst. Mit der Entmachtung militärischer Vorgesetzter, die nur allmählich spürbar wurde, begann jene gewohnte, zum Teil akzeptierte Unfreiheit zu schwinden, ohne daß sich Freiheit, die große Unbekannte, zu erkennen gab; sie mußte, als umfassende Möglichkeit menschlicher Existenz, den besiegten Deutschen geschenkt, werden, und zwar nach dem Verständnis der Sieger: geteilt.

Zwar hatten die Deutschen alles getan und keine schier übermenschliche Anstrengung gescheut, anderen Völkern ihre Freiheit zu nehmen, doch zur Rückgewinnung der eigenen trugen sie wenig bei. Deshalb hieß der 8. Mai ’45 für Franzosen und Russen, Holländer und Polen, Tschechen und Norweger, für überlebende KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Emigranten, die unter deutscher Besetzung und von Deutschen begangenen Verbrechen zu leiden gehabt hatten, endlicher Sieg über den Faschismus und Befreiung von den Deutschen, denen dieser Tag zuallererst die militärische und ideologische Niederlage datierte; moralisch, im politischen und religiösen Sinn, hatten sie schon am 30. Januar 1933 bedingungslos kapituliert.

Ich glaube, daß diese Zusammenhänge und Unterscheidungen bis heute weder ausreichend begriffen noch akzeptiert worden sind, und zwar in beiden deutschen Staaten nicht. Allzu verführerisch war und ist es, sich auch zu den Befreiten zu zählen, wobei das peinigende Wissen verdrängt wird, daß die Masse des deutschen Volkes, nachdem der Widerstand aus dem Land getrieben oder inländisch eliminiert worden war, alles getan hatte, um diese Befreiung zu verhindern.

So jedenfalls sah ich mich und viele meines Alters am 8. Mai ’45: besiegt, unterlegen, befreit zwar vom Feldwebel, doch ohne Begriff von dem, was Freiheit ist oder sein könnte. Mit einem Vakuum im Kopf, auf tägliche Verpflegung bedacht, bewegt von ungenauen, vordringlich pubertären Gefühlen, die zwischen Trotz und Trauer zum erstenmal Scham zuließen: ich hörte unfaßliche Zahlen, sah Zeitungsphotos, die Leichenberge zum Motiv hatten – und wollte nicht glauben. Die letzten Konzentrationslager wurden geöffnet. Entsetzen und Abwehr bestimmten mich. Das, diese Verbrechen sollen Deutsche begangen haben? hieß die sture, die zählebige Frage, die sich vorerst keiner Antwort stellen wollte.