Lehrstellenkampagne ’85: Kann diesmal eine ,Ausbildungskatastrophe“ noch verhindert werden?

Von Michael Jungblut

Wenn es um die berufliche Zukunft der Jugend geht, halten die Gewerkschaften Panikmache offenbar immer noch für ihren wertvollsten Beitrag. Im vergangenen Jahr verkündete DGB-Vorstandsmitglied Ilse Brusis, daß zweihunderttausend Mädchen und Jungen bei der Jagd auf einen betrieblichen Ausbildungsplatz leer ausgehen würden, und leitete daraus „eine sozialpolitische Anklage gegen unser Gesellschaftssystem“ ab. Auch in diesem Jahr scheuen sich viele Gewerkschafter nicht, mit Horrorzahlen Stimmung zu machen. Zu einem eigenen Beitrag zur Lösung des Problems – beispielsweise durch einen zeitweiligen Verzicht auf eine immer weitere Heraufsetzung der Ausbildungsvergütung – konnten sie sich dagegen bisher nur in einem einzigen Fall durchringen.

Falsche Prognosen

Dabei ist die Lage auch ohne maßlose Übertreibungen, die eher zu Resignation verleiten als zur Suche nach Auswegen, dramatisch genug. Die Nachfrage nach Lehrstellen übersteigt selbst die pessimistischsten Prognosen aus früheren Jahren bei weitem. Wurde noch 1982 angenommen, daß im vergangenen Jahr 655 000 Lehrstellenbewerber versorgt werden müßten, so waren es 1984 tatsächlich 766 000. Und in diesem Jahr werden es statt der damals von der Bundesanstalt für Arbeit errechneten 618 000 Bewerber tatsächlich wohl rund 765 000 sein. Die ursprünglich gehegte Hoffnung, daß schon von diesem Jahr an der Andrang merklich nachlassen würde, war vergeblich.

Obwohl es der Wirtschaft im vergangenen Jahr gelungen ist, mit 706 000 Ausbildungsverträgen einen neuen Rekord aufzustellen und durch immer neue „Nachfaßaktionen“ auch nach den offiziellen Einstellungsterminen unbesetzt gebliebene oder wieder frei gewordene Ausbildungsplätze doch noch vermittelt wurden, blieben dreißig- bis sechzigtausend Jugendliche auf der Strecke. Zwar konnten auch von diesen viele noch durch „Sondermaßnahmen“ des Bundes und der Länder vor dem Schicksal bewahrt werden, gleich beim ersten Schritt ins Berufsleben einzubrechen. Aber einige Zehntausend mußten sich schließlich in das stetig wachsende Heer der Hoffnungslosen einreihen. Auch wenn es manchem vielleicht bei einem zweiten oder dritten Anlauf gelingt, in diesem oder im nächsten Jahr doch noch eine qualifizierte Ausbildung zu erhalten, so werden dennoch Tausende übrig bleiben, bei denen das Urteil „lebenslänglich“ lautet:

  • Viele finden aus psychologischen Gründen nie mehr einen Zugang zur Arbeitsweit, gleiten ab in fragwürdige Szenen oder gewöhnen sich daran, Dauerkunde der Sozialämter und anderer Unterstützungseinrichtungen zu werden;
  • andere erhalten später vielleicht eine Beschäftigung, kommen aber nie über den Status einer Hilfskraft hinaus, deren Schicksal es ist, von allen Aufstiegschancen ausgeschlossen zu bleiben und immer zu den ersten Opfern von Rationalisierungsmaßnahmen zu gehören.