Von Hanns Grössel

Die surrealistische Bewegung in Frankreich hat mit einer Freundschaft begonnen, der Freundschaft zwischen André Breton und Philippe Soupault, die einander 1917 kennenlernten. Zwei Jahre später schon veröffentlichten sie erste Teile einer in automatischer Schreibweise entstandenen Gemeinschaftsarbeit, der "Magnetischen Felder", die Breton im "Ersten Manifest des Surrealismus" (1924) als das erste rein surrealistische Werk bezeichnet.

Obwohl die Schriftsteller um Breton ihrem literarischen Temperament nach sehr verschieden waren, hielten sie damals noch zusammen. Doch bald darauf kamen ernsthafte politische Meinungsverschiedenheiten auf, und die Gruppe lichtete sich; dabei verlor Breton auch die zwei Mitstreiter, die heute die letzten lebenden Zeugen der ersten surrealistischen Stunde sind: Philippe Soupault (geboren 1897) wurde 1927 ausgeschlossen, Michel Leiris (geboren 1901) sagte sich 1929 los.

Von Soupault sind während der letzten Jahre drei Romane in deutscher Übersetzung erschienen. Aus seinem lyrischem Werk, das an die zwei Dutzend Titel umfaßt, hat jetzt Eugen Helmlé eine Auswahl vorgelegt.

Philippe Soupault: "Frühe Gedichte 1917-1930", aus dem Französischen und herausgegeben von Eugen Heimlé; edition text + kritik (Frühe Texte der Moderne), München, 1983; 183 S., 28,– DM.

Soupault hatte bereits 1917 in der Zeitschrift SIC als Lyriker debütiert und im selben Jahr seinen ersten Gedichtband, "Aquarium", herausgebracht, der Einflüsse von Rimbaud und Apollinaire verrät. Zu größerer Freiheit von Vorbildern ermutigte ihn das Gemeinschaftsexperiment in automatischem Schreiben: Wie er im Rückblick geäußert hat, hätten Breton und er danach Gedichte geschrieben, "die ziemlich verschieden waren von denen, die wir vorher geschrieben hatten".

Der Titel von Soupaults Debüt-Gedicht lautet "Départ" (Abreise). Daraus klingt ebenso sehr die Aufbruchstimmung eines jungen Autors, der literarisches Neuland erobern möchte, wie die Neugier eines jungen Menschen, der fremde Länder und Kontinente sehen will (diese Neugier konnte Philippe Soupault später als Journalist und Rundfunkmann stillen). Sie war für seine Generation sehr zeittypisch und entsprang nicht zuletzt dem Schock, den der Erste Weltkrieg ihr versetzt hatte. Andere Länder, zumal England und Amerika, stellte man sich schöner und besser vor als Frankreich ("Alle Städte der Welt/Oasen unserer verhungerten Verdrüsse"); hinzu kam ein unbestimmtes, aber heftiges Lebensgefühl von Modernität, das sich noch aus ungebrochener Bejahung neuzeitlicher Technik und großstädtischer Zivilisation speisen konnte.