Von Willi Jasper

Noch kein Buch hat so schonungslos und selbstkritisch mit der Gestapohörigkeit und inhumanen Asylpraxis der Vichy-Behörden abgerechnet wie:

Daniel Bénédite: „La filière Marseillaise. Un chemin vers la liberté sous l’occupation“; Editions Clancier Guenaud, Paris 1984; 351 S., 90 FF.

Schon vor der Teilung Frankreichs in eine besetzte und eine unbesetzte Zone (am 22. Juni 1940) existierten Straf- und Sammellager für deutsche Emigranten, in denen Hitlergegner nach den Worten Arthur Koestlers auf menschenunwürdige Weise wie der „Abschaum der Erde“ behandelt wurden. Nach dem Einmarsch der Hitlertruppen in Belgien und Holland erfolgten ab 12. Mai 1940 in ganz Frankreich erneute Internierungen der aus Deutschland stammenden Frauen, Männer und Jugendlichen über 16 Jahren. Zu den größten Internierungslagern, die im Juli und August 1940 die deutsche Kontrollkommission für Zivilgefangene besichtigte, gehörten Les Milles, St. Cyprien, Les Garrigues, Malavielle, Le Vernet, Rieucros und Gurs. Das Lager Gurs war bereits im April 1939 nach dem Zusammenbruch der spanischen Republik für die Soldaten der republikanischen und die Freiwilligen der Internationalen Brigaden, darunter fast 1000 Deutsche, errichtet worden.

Nach Installierung der Vichy-Regierung unter Marschall Pétain im unbesetzten Süden des Landes wurden der ehemalige sozialdemokratische Minister Rudolf Hilferding sowie der Vorsitzende der SPD-Reichstagsfraktion Rudolf Breitscheid, die kommunistischen Reichstagsabgeordneten Franz Dahlem, Heinrich Rau und Siegfried Rädel, die Sozialdemokratin Johanna Kirchner und der Komponist und Interpret Ernst Busch an die Gestapo ausgeliefert. Für die übrigen Emigranten wurden die offiziellen Auswanderungsmöglichkeiten äußerst erschwert und Ende 1941 für deutsche Flüchtlinge ganz untersagt. „Emigration in der Emigration“ war für viele die letzte Chance.

Jüdische Emigranten waren von Oktober 1940 an, das heißt durch den neuen französischen Judenstatus, nicht nur der Nazi-Politik, sondern auch der antisemitischen Praxis des Petain-Regimes ausgesetzt. Nach zahlreichen Großrazzien begann mit dem ersten Transport nach Auschwitz am 27. März 1942 auch in Frankreich die „praktische Durchführung der Endlösung“. Die französische Polizei und Miliz leisteten die von Vichy gebilligte „Hilfestellung“. Von August 1942 an wurden die französischen Internierungsstätten zu Durchgangsstationen auf dem Wege in die deutschen Vernichtungslager. Von den 76 000 während der Pétain-Herrschaft deportierten Juden waren über 7000 Deutsche.

Flucht und Rettung für einen Teil der Emigranten war nur dank der Unterstützung von Hilfsorganisationen, Privatpersonen und einzelner Beamter und Geistlicher möglich. Daniel Benedite, der Autor von „La filiére Marseillaise“, war 1940/41 der französische Hauptmitarbeiter und Nachfolger von Varian Fry, als dieser im Auftrag des „Centre americain de secours“ in Marseille eine Hilfsorganisation für die Rettung deutscher Emigranten schuf. „Auschwitz und Marseille waren damals die beiden einzigen offenen Tore in Europa“, faßt David Rousset in seinem Vorwort für das Buch die schreckliche Alternative zusammen.