Von Rolf Hosfeld

Eigentlich waren sie eine Erfindung der Nachkriegszeit, als es noch ein Privileg war, ein privates Auto zu besitzen: die Mitfahrzentralen, lange Zeit kaum gefragt, verzeichnen seit einigen Jahren wieder so etwas wie einen Boom. Heute sind es meist Studenten, die sie in Anspruch nehmen, doch seit einiger Zeit beginnen sie auch in anderen Kreisen wieder salonfähig zu werden. Etwa eine Million Mitfahrer hat es im letzten Jahr allein in der Bundesrepublik gegeben, ein beträchtliches Verkehrsaufkommen.

Durch Zufall hatte ich diese Zahl erfahren, mir war ein Prospekt der „Mitfahrzentrale“ in die Hände geraten, der aussah wie ein Fahrplan: Reiseziele waren dort aufgeführt, die in fast sämtliche großen Orte der Bundesrepublik preiswerte Fahrten versprachen und sogar längere Reisen ins Ausland zum Spartarif ankündigten. Von Mitfahrzentrale zu Mitfahrzentrale, versteht sich, etwa so, wie von Bahnhof zu Bahnhof. Keine Frage, hier hat sich in den letzten Jahren ein regelrechtes alternatives Verkehrsnetz etabliert, das noch weiter zu expandieren scheint.

Ich wagte den Versuch: Eine Reise nach Wien und zurück hatte ich mir vorgenommen. Der Anfang war denkbar unproblematisch: Ich füllte in einer der Berliner Mitfahrzentralen einen Zettel aus, zahlte meine Gebühr und erhielt dafür die Adresse und die Telephonnummer meines Fahrers, für eine Tour nach München am nächsten Tag.

Verabredet war ein Treffpunkt in der Nähe meiner Wohnung, morgens um halb zehn. Mein Fahrer kam eine Viertelstunde zu spät, immer noch pünktlicher als mancher Zug am Bahnhof Zoo. Wie sehr man sich in seinen Vorstellungen und Erwartungen täuschen kann: Ein Mercedes war mir angekündigt worden, und ich hatte mir dabei einen Diesel älteren Datums vorgestellt, wie ihn manche Freaks in Berlin gerne fahren. Doch es kam ganz anders.

Ein gelber 250er fährt vor, kaum zwei, drei Jahre alt. Mein Fahrer ist ein Mittvierziger, sorgsam gekleidet, dunkles Seidenhemd, Seidenschal, graues Jackett. Ob ich schon lange warte? Nein, natürlich nicht, auf soviel Pünktlichkeit war ich gar nicht eingestellt gewesen. Er hilft mir dabei, meine Reisetasche im Kofferraum unterzubringen, stellt sofort klar, daß Rauchen selbstverständlich erlaubt ist und bietet mir eine Zigarette an. Nur er selbst, das müsse ich verstehen, rauche seit einigen Tagen wegen einer hartnäckigen Erkältung und anhaltenden Halsschmerzen nicht.

„Sie sind beruflich unterwegs?“ „Mehr geschäftlich.“ Welche Geschäfte, erfahre ich nicht, aber ich frage auch nicht danach. Er wohnt in einer kleinen Neubauwohnung im Wedding, erzählt er, seit fünfzehn Jahren, kein Luxus, aber komfortabel und preiswert. Selbständig, geschäftlich unterwegs, vermutlich ein Handelsreisender. Die Mitfahrzentrale hat er zum erstenmal aufgesucht. Zufällig kam er vorbei und, na ja, warum eigentlich nicht. Schließlich kann man so Geld sparen. Aber das sagt er nicht, das denke ich in diesem Augenblick.