Von Gabriele Venzky

Pausenlos gurgeln Lautsprecheransagen vom unmittelbar nebenan gelegenen Bahnhof herüber, und fast ohne Unterbrechung fahren Züge schnaubend, pfeifend und rumpelnd aus und ein. Dennoch liegt eine merkwürdige Stille über dem Platz gleich neben Bahnsteig eins. Von den 28 angeketteten Dobermännern, die hier früher jeden, der sich zu nähern wagte, schon auf 200 Schritt Entfernung wütend ankläfften – keine Spur. Die kleinen Diener, nepalesische Jungen in Uniformen, die vor sehr langer Zeit einmal weiß gewesen waren – weit und breit nicht zu sehen. Vorsichtig trete ich heran, die blutrünstigen Dobermänner nur allzu gut in Erinnerung.

Eine kleine Halle, Abfall in den Ecken, verwelkte Blumen in zerschlagenen Vasen, fast eine Leichenhalle. Ein Scherengitter verschließt den Zugang zu einem weiteren Raum, der wie dieser nach allen vier Seiten offen und nur mit ein paar zerlumpten Tüchern und alten Kistenbrettern notdürftig nach außen abgeschirmt ist. Auf zerlöcherten Matratzen am Boden zwei Gestalten, eine Frau in einer undefinierbaren grau-braun-grünen Beutelhose, darüber ein abgetragener Männermantel, ein Mann in einem zerschlissenen hellblauen Trainingsanzug.

Auf einer Betonbank eine weitere Gestalt, mit dem Rücken zu mir, kerzengrade, lange verfilzte Haare. Mit einem altmodischen dicken Goldfüllfederhalter schreibt sie auf goldgeprägtes Briefpapier. Eine Petition, wie sich später herausstellt. Auf dem Briefkopf das Familienwappen und die Worte: "Die Herrscher von Avadh im Exil, State Entry Road, New Delhi Railway Station".

Seit zehn Jahren residiert Begum Wilayat Mahal, Witwe des ehemaligen Herrschers des indischen Staates Avadh oder Oudh zusammen mit ihrer Tochter, Prinzessin Sahina Mahal, und Sohn Prinz Ali Reza unter dem Dach des trostlosen Bahnhofseingangs, der für Staatsgäste bestimmt ist, am Ende der Einfahrtsstraße für Ehrengäste des Hauptbahnhofes von Neu-Delhi. Zuvor hatte sie zwei Jahre lang den Wartesaal der ersten Klasse okkupiert, und davor wohnte sie zwei Jahre lang auf dem Bahnsteig in ihrer ehemaligen Haupt- und Residenzstadt Lucknow. Recht ungewöhnliche Aufenthaltsorte für Mitglieder des indischen Hochadels. Wenn heute, was selten genug vorkommt, eine VIP, eine sehr wichtige Persönlichkeit, mit dem Zug in Delhi anreist, dann muß sie sich durch den verstopften, schmutzigen Bahnhof bequemen, und die Staatslimousinen haben sich mühsam durch Dreiradrikschas und hochrädrige Pferdedroschken einen Weg zu bahnen. Denn den Zugang zum Staatseingang hat die Begum verbarrikadiert.

"Um Gottes willen, die Hunde." Der männliche Mensch am Boden erwacht, springt auf, stoppelbärtig, hohlwangig – Prinz Ali. Die übriggebliebenen drei Pinscher hatten giftig die Lefzen gebleckt, waren aber still geblieben. "Wo sind die anderen Hunde, wo die Diener, wo die Teppiche?" Früher war der kahle Betonbau mit kostbaren Teppichen ausgehängt und mit Grünpflanzen üppig dekoriert – die "Audienzhalle Ihrer Hoheit".

Prinz Ali blickt ungehalten: "Sie kommen etwas ungelegen", sagt er, besinnt sich aber – auf meinen Einwand hin, ich wollte mich nur mal wieder nach dem Stand der Dinge erkundigen – eines anderen und sagt fast überschwenglich: "Sie sind die erste, der ich’s erzähle, wir ziehen um."