Kosmischer Bruder

„Der Typ vom anderen Stern“ von John Sayles. Stumm wie ein Fisch streift der Außerirdische durch das heruntergekommene schwarze Harlem, auch er ein Benachteiligter, Diskriminierter und Verfolgter. Denn – Gott hat es so gewollt – er ist ein Neger, einer von außerhalb zwar und mit drei überdimensional großen Zehen an den Füßen statt derer fünf, aber Neger bleibt Neger, und denen ist das Schicksal nirgendwo so richtig hold, ob nun in New York oder auf Alpha Centauri. Während seiner Flucht vor zwei lächerlich-martialischen Weltraumpolizisten muß er auf der Erde notlanden, und hier stellt er bald schon fest, daß dies eine kosmische Reise vom Regen in die Traufe gewesen ist. Von den Schwarzen, die ihn als einen der Ihren betrachten und deshalb, „Brother“ nennen, bekommt er Zuspruch, sie achten und unterstützen ihn, setzen ihm aber auch einmal einen Straßenräuber-Schraubenzieher an die Kehle. Die Weißen dagegen versuchen ihn auszubeuten, sie sind gemein und handeln mit Drogen – dennoch zeigen auch sie sich manchmal von der menschlichen Seite. All das Leid, an das sich die Slumbewohner dieses Planeten bereits gewöhnt haben, muß er erst entdecken, und mit ihm der zynische Zuschauer, der durch „Brothers“ naive Kulleraugen einen neuen, unverdorbenen Blick auf modernes Großstadtleben bekommt. Und er darf lachen dabei, hier regiert nicht klassenkämpferisches Pathos, sondern – wenn es so etwas gibt – optimistisch-makabrer Humor. Daß Brother (Joe Morton) nicht sprechen kann und nur zuhören, macht die Sache noch eindringlicher, noch komischer und zugleich ernster: Denn die Stummen sind hilfloser und erhabener in einem. John Sayles’ stellenweise brillante Komödie, die nach einem glänzenden Auftakt leider allmählich abbaut, in episodenhafte Bruchstücke zerfällt – diese Komödie ist mehr als nur eine Anklage gegen das intergalaktische weiße Establishment. Natürlich geht es den Schwarzen, vor allem aus historischer Sicht, grundsätzlich schlechter als den Weißen. Wer aber würde allen Ernstes in Abrede stellen wollen, daß es neben guten Negern auch böse gibt, neben bösen Weißen auch gute? Sie alle sollen in diesem Film lachend etwas über die Gemeinheiten des Lebens lernen – und dadurch besser werden, zu den andern und zu sich selbst. Mit „Brother“ hat John Sayles eine überzeugende Gegenfigur zu Eddie Murphy geschaffen, dessen vulgär-simpler Dritte-Welt-Humor derzeit durch die westliche Hemisphäre fegt. Er zeigt, daß in den Slums nicht nur ordinär geflucht, sondern auch witzig und scharfsinnig gedacht wird.

Maxim Biller

Wieder fröhlich sein

„Die Kümmeltürkin geht“ von Jeanine Meerapfel. Sie hätte auch, damals vor 14 Jahren, nach Australien gehen können. Aber sie hat sich für Deutschland entschieden, einfach der geographischen Nähe zur Türkei wegen. In Berlin hat die aus Istanbul stammende Melek Tez dann gearbeitet – und gelebt wie viele ihrer Landsleute: in heruntergekommenen Wohnungen, in Wohnheimen, in einer Dachkammer, im Keller. Man hat es ihr nicht leicht gemacht in Deutschland, und jetzt ist es ihr unerträglich. Sie will zurück zu ihren beiden Töchtern, zurück in ein Land, in dem sie fröhlich pfeifen, in dem sie singen kann. Ein schöner Traum vielleicht – schließlich ist die Türkei kein wirtschaftliches Eldorado –, ein berechtigter allemal. Das empfindet auch Jeanine Meerapfel, Berliner Filmemacherin („Malou“, 1980/81), die eine in sanfte Rottöne gefärbte Traumsequenz von der Rückkehr nach Istanbul in ihre fiktive Dokumentation einfügt. Ihr Film ist bestimmt von großer Anteilnahme und Verständnis für die Schwierigkeiten ausländischer Arbeiter bei uns. Jeanine Meerapfel läßt der 38jährigen Türkin viel Raum für ihre Ansichten, Gefühle und Träume. Darüber hinaus werden die Schwierigkeiten auch sichtbar und erfahrbar, wenn die Kamera Melek Tez in das Ausländeramt oder die überfüllte Abflughalle des Flughafens begleitet. Der Prototyp einer Türkin ist Melek Tez sicherlich nicht. Dazu ist sie zu selbständig, zu offensiv, zu „modern“. Sie ist eher das, was man eine Überlebenskünstlerin nennt, eine sympathische, kleine, energiegeladene Frau, der man viel Glück wünscht bei der Verwirklichung ihrer Träume in der Stadt am Bosporus

Anne Frederiksen

Geisterbahnfahrt