Von Irene Runge

Moskau im April und dann Sonne und Temperaturen bis fast 20 Grad – darauf ist kein Tourist vorbereitet. So schwitzt man sich in Winterkleidung durch die knappen Tage des Kurzreiseaufenthalts, ißt Eis und merkt, es ist so manches sehr anders als im bekannten Zuhause. Ich höre mich wie immer umständlich in die Sprache ein, die mir nach so vielen Jahren Russischunterricht eigentlich geläufiger sein sollte. Doch diese Erkenntnis hatte ich schon oft.

Mit einer Reisegruppe aus dem Bezirk Frankfurt (Oder) in Freundesland zu fliegen, hat seine Eigenheiten. Kleinstädter und Leute vom Dorf sehen die Großstadt mit anderen Augen, ehrfürchtiger als beispielsweise die lauten Berliner, denen man nicht nur außerhalb des Hotels begegnet.

Doch auch in meiner Gruppe wird verglichen, bestaunt, gewertet, und allzuschnell ist manches Urteil gefällt. Deutlich wird, daß russische Historie und sowjetische Zeitgeschichte nicht zum Alltagswissen gehören. Im Repertoire der Erwartungen hat der Reisende eher den Konsumvergleich. Moskaus Hauptstraßen in Kremlnähe sind von wimmelnden Touristen erfüllt, die in Windeseile kleine und große Pakete erstehen, weltbekannte Bauwerke ins Bild nehmen und warten. Das Programm sieht in dichter Zeitfolge Sehenswürdigkeiten, Unterhaltung, Information und Konsum vor. Zwischendurch werden die zahllosen Reisegruppen in Bussen zurück zu den jeweiligen Hotels gefahren, wo opulente Mahle warten. Das Hotel „Kosmos“, in dem wir logieren, liegt wie viele Moskauer Hotels direkt an einer Metro-Station. Vom 23. Stock meines Zimmers, das ich glücklicherweise mit niemandem teile, sehe ich die Allunionsausstellung, den Fernsehturm, Monumentalkunst, Neubauten und Ferne. Das Foyer erinnert an Flughäfen, besonders, frühmorgens nach neun, wenn sich die Gruppen sammeln Und sich zu neuerlichen Sehenswürdigkeiten fahren lassen.

Ich habe meine Gruppe oft verlassen, bin für fünf Kopeken durch die unterirdische Metro-Marmorpracht gefahren, durch die engen Straßen des untouristischen Moskau spaziert. Ich habe in die Höfe der Neubauten gesehen-, wo Frauen auf Holzbänken sitzen, mit ihren Kopftüchern wie Bäuerinnen aussehend. Endlos erscheinende Gespräche untereinander, manchmal den Reisigbesen schiebend, Kinder beobachtend und vor sich hin träumend, so vergeht ein Teil des Tages. Die Kleinsten, die wir hier sehen, umgeben von all diesen Müttern, Tanten und Großmüttern, in warme Mäntelchen gekleidet, mit Wollmützchen und Schals auf Klettergerüsten spielend, wachsen in die Welt der Großen anders hinein als bei uns. Aber das ändert sich, schon hört man Klagen, daß es nicht mehr genug Großmütter gibt, die Zeit haben, ihre Enkel zu hüten, sie ziehen es vor, arbeiten zu gehen.

Väter, Großväter, Männer unterschiedlichen Alters sitzen an anderen Bänken, spielen Schach oder Domino auf rohgezimmerten Tischen, manchmal steht eine Flasche daneben, über allem liegt der Geruch von anderem Tabak, Knoblauch, fremder Seife, Benzin und Staub. Hier stört der Tourist. Der Alltag geht seinen gemächlich eigenen Gang.

An den Abenden, wenn sich die Reisegruppe zwischen Kreml und Hotelbar aufgelöst hat, sitze ich bei alten und neuen Freunden, esse Piroggen, Quarkplinsen und selbstgemachte Konfitüre, trinke eigengebrauten Apfelschnaps und natürlich Tee, diesen so merkwürdig ritualisierten Tee: Der dicke Teesud, der gleichzeitig mit dem heißen Wasser in die Tasse oder eher noch ins Glas gegossen wird. Man sitzt vorzugsweise in Küchen, die von erstaunlicher Größe sind, vergleicht man sie mit unseren Neubauten. Freunde, manchmal Nachbarn kommen und gehen. Der Abend beginnt spät und endet vor der ersten Stunde des neuen Tages: Die letzte Metro fährt zuverlässig gegen 1.00 Uhr. Geredet wird, manchmal wird nachgefragt, was es so gäbe in Deutschland DDR, was die Menschen dort denken, lieben, vermissen. Namen fallen, Geschichten und Filme werden erzählt, Michalkow und die Tschurikowa, die meisten Namen verstehe ich nicht, weil sie schnell und anders ausgesprochen werden, als ich’s mir so denke. Jemand wird irgendwann an solchen Abenden zur Gitarre greifen und Lieder singen. „Wyssozki“, rufen die anderen und singen mit. Manchmal übersetzt irgendwer einen Text für mich, meistens nicht, oft läßt sich denken, worum es geht.