Latein, gestand mir eine Studienanfängerin kürzlich, sei ja ganz schön, „aber was ist das erst gegen Griechisch“. In den Schülern und Eltern, die sich in Darmstadt gegen die Liquidierung ihres altsprachlichen Gymnasiums wehren, hat sie Gleichgesinnte. Doch Hessens Schulbürokratie denkt anders. Sie schickt sich gerade an, gründlich aufzuräumen – über die ausnahmslose Durchpeitschung der Förderstufe.

Damit hört Latein für immer auf, als erste Fremdsprache zu existieren. Das Ende der Möglichkeit, in irgendeinem Gymnasium in der fünften Klasse mit Latein anzufangen. Der endgültige Ruin des Griechischen ist die absehbare Folge.

Der von Protesten bestürmte Kultusminister Karl Schneider sah sich in die Enge getrieben und suchte nach Ausflüchten: Die Kabinettsvorlage zu diesem Gesetz habe zunächst Ausnahmeregelungen enthalten. Doch seien diese „aufgrund der Forderungen der Grünen-Fraktion“ des Landtags geändert worden.

Die Bildungskonfessionen sind wieder einmal dabei, sich ihre schulpolitischen Bekenntnisse um die Ohren zu hauen.

Dabei fanden die wenigen altsprachlichen Gymnasien Hessens, in denen Latein von der fünften und Griechisch von der neunten Klasse an genommen werden konnte, bemerkenswerten Zuspruch. Sie hatten einen fast exotischen Reiz in der immer stärker homogenisierten Bildungsszene. Eine Schulart, die etwas Atem und Distanz von den wechselnden curricularen Modethrillern forderte und gewährte. Jedenfalls dann, wenn die alten Sprachen nicht zum bloßen Exerzierplatz antiquierter Prinzipien gemacht wurden.

Nun triumphieren die einen, daß endlich eine anderthalb Jahrhunderte alte Bastion der Reaktion und der Elitezucht sturmreif geschossen ist. Die anderen haben wieder einen Anlaß, die Fraktion der sogenannten Fortschrittlichen als doktrinäre Gleichmacher anzuprangern.

Eine miserable Lage: In dem einen Bundesland wird den Gesamtschulen, gegen Proteste der Betroffenen, ein Ende bereitet. In dem andern würgt man den paar noch existierenden altsprachlichen Gymnasien die Luft ab. Warum kann man nicht eine Vielzahl von Schulen nebeneinander blühen lassen? Muß das Machtkalkül der staatlichen Planer immer und überall stärker sein als der Wunsch nach einer abwechslungsreichen Lernkultur?

Horst Rumpf