Berlin

Für die kleine Verlagsgemeinschaft war der Kampf um Berlin „Business as usual“. Das wäre es auch sicher geblieben, wenn ihr nicht ein Rundschreiben in das Geschäft hineingepfuscht hätte. Mit ihrem neuesten Titel „Zerstört Besiegt Befreit“ schickten sich die beiden Verlage Fröhlich und Kaufmann und die Edition Hentrich gerade an, ein breites Publikum anzusteuern, als man feststellen mußte, daß die Rechnung nicht ohne Berlins resolute Schulsenatorin Hanna-Renate Laurien zu machen ist.

Sie setzte durch, daß ein Teil der Auflage nur mit eingeklebter Buchkritik verbreitet wird. Ein Vorgang, der einmalig und in jedem Fall kurios ist, von der Senatorin aber als Entgegenkommen eingestuft wird.

Im Gegensatz zu dem Herausgeber des Bandes, dem ihr unterstehenden Pädagogischen Zentrum, hält sie die Textsammlung nämlich für „völlig unzulänglich“ und zumindest die vertraglich vereinbarten Freiexemplare an die Berliner Lehrer für kommentierungsbedürftig. Den 700 von insgesamt 5000 Exemplaren mußte das Institut auf ihr Geheiß eine fünfseitige „Schwachstellen-Analyse“ beifügen. Der Verlagsgemeinschaft blieb nur der Versuch, die Negativwerbung der Senatorin durch ein eigenes Schreiben an die Schulen aufzufangen: Die Aktion „stellt einen Versuch dar, die unvoreingenommene Verbreitung des Buchs einzuschränken. Bitte bilden Sie sich ihr eigenes Urteil“.

Der Band ist zwar noch lange nicht in jedem Klassenzimmer, dafür aber in aller Munde, wozu nicht zuletzt die Schulsenatorin ihr Scherflein beigetragen hat. Ihr tendiert die mit redaktionellen Texten angereicherte Dokumentation aus Zeugenberichten, Briefen und Autobiographien zu sehr in eine Richtung: „Der Verdacht, hier solle ein geschöntes Geschichtsbild vermittelt werden, drängt sich in Bezug auf die Sowjetunion an verschiedenen Stellen auf.“ Auch an dem Quellenverzeichnis hatte sie einiges auszusetzen: „Nur mühsam ist zu erkunden, welchen Charakter die Quelle hat, wer hier mit welcher Absicht spricht.“ Auf den Plan gerufen fühlt sie sich weniger durch Zeitzeugen wie Erich Kuby oder Heinrich Böll, schon gar nicht durch Wolfgang Leonhard oder Quizmaster Hans Rosenthal. Argwohn dürften vielmehr jene Publikationen geweckt haben, deren Verlagsnamen untrennbar mit dem Kürzel VEB verbunden sind.

Ein VEB, Volkseigener Betrieb, hat seinen Sitz jedoch immer jenseits der Mauer. Und dort geht man zuweilen mit seiner Geschichte genauso sorglos um wie wir mit der unsrigen. Sowjets sieht man dort lieber als menschenfreundliche Brotverteiler, die in der Zeit, als die Stadt in ihren letzten Zügen lag, das Überleben organisierten. Von Plünderungen und Vergewaltigungen keine Rede.

Das Pädagogische Zentrum jedoch besteht darauf, beide Gesichter der siegenden Truppen gezeigt zu haben. „Wir wollten den Leser mit den Widersprüchlichkeiten konfrontieren und die Irrsinnssituation der letzten Tage beschreiben“, wehrt sich Klaus Matußek als einer der verantwortlichen Redakteure des Pädagogischen Zentrums gegen die Vorwürfe der Behörde.