„Transit“ von Anna Seghers;/„Anna Seghers’ Metamorphosen – Transit – Erkundungsversuche in einem Labyrinth“, von Hans-Albert Walter. Manchmal fragt man sich tatsächlich, was in deutschen Verlagen eigentlich vorgeht (oder aber nicht vorgeht). Wie oft ist man bestürzt über unsorgfältige Editionen, komplette Gesamtausgaben ohne Namens- oder Stichwortregister, flüchtige Vorworte oder anderes. Und nun leistet sich einmal ein Verlag etwas Vorbildliches und nur der Zufall läßt einen solche Anstrengung überhaupt entdecken: kein Prospekt, kein Eaitionsplan, keine Hinweise – nichts. Die Büchergilde Gutenberg startet eine ganze Reihe Emigrationsliteratur, wirklich eine verdienstvolle und notwendige Sache. Das Unternehmen vertraut auf den durch zahlreiche Publikationen für das Sachgebiet ausgewiesenen Hans-Albert Walter; er legt nun hier etwas vollkommen Ungewöhnliches und Vorbildliches vor. Die Neuausgabe von Anna Seghers’ Roman „Transit“ und dazu einen eigenen, 155 Seiten umfassenden Interpretationsband. Dieser Band liest sich spannend wie ein Kriminalroman und gibt minuziös die Entstehungsgeschichte des Buches wieder. Eine so behutsame wie präzise Interpretation (die erstmals nachweist, wie kompliziert die literarische Struktur des Buches ist), eine hervorragende Aufschlüsselung zeitgeschichtlicher Bezüge und ein Anmerkungsapparat, der in sich mustergültig ist. Daß der Verlag so sorgsam publiziert und gleichzeitig fast sorglos ein so ehrgeiziges Projekt in die Öffentlichkeit entlaufen läßt, ist beides zugleich: bewundernswert und unbegreiflich. (Beide Büchergilde, Frankfurt, 1985; 303 S. und 155 S., zusammen 25,– DM.) Fritz J. Raddatz

Buch des Monats

Zum Buch des Monats Mai 1985 hat die Darmstädter Jury gewählt: Erwin Lichtenstein „Bericht an meine Familie – Ein Leben zwischen Danzig und Israel“, mit einem Nachwort von Günter Grass; Luchterhand, Darmstadt; 244 S., 32,– DM