Hannover: „Howard Hodgkin – Bilder von 1973 bis 1984“

Bunt, sehr bunt sind Howard Hodgkins Bilder. Eine ungestüme Freude an der ganzen Palette knalliger Farben, die eher aufgetürmt als brav nebeneinander gesetzt sind, strömt dem Besucher der Kestner-Gesellschaft entgegen. Fast gleichförmig dagegen kehrt ein Netz von groben Tupfen neben, über oder unter schmaleren, zumeist aber breiteren Strichen wieder. Fast regelmäßig sind im freundlich wilden Maleifer auch die Gemälderahmen hingetupft, gebürstet und geschlängelt. Ganz unerwartet ist da die Information, daß der Maler dieser Werke ein bedeutender Sammler indischer Kunst ist, daß zu seinen Vorbildern Ingres ebenso wie Delacroix, David wie Vuillard gehören. Hat der Betrachter sich schließlich an die signalkräftige Buntheit der Bilder gewöhnt, beginnt erst zögernd, dann immer schneller ihre Entzifferung. Hinter der farbenfroh zugemalten Oberfläche hebt sich alten Papiertheatern gleich ein Zwischenboden nach dem anderen und gibt den Blick frei auf Ereignisse in der Ferne. Heimlich, wie durchs Schlüsselloch geschaut, entziffert er fremde Szenen: vor grüngefleckten gelber Tapete krümmt sich schmerzhaft eine rote Figur „Eifersucht“; wohlig zufriedene Ruhe suggeriert ein Strich- und Flecksystem „Nach Tisch“; zwischen Büschen und Blütenstauden „Ein Henry Moore hinten im Garten“. Einmal eingelassen auf die rätselhafte Sprache zwischen gegenständlicher und abstrakter Kunst, entdeckt der Betrachter in diesen Bildern eine Welt von Tagträumen, von Erinnerungen an Gefühle und Atmosphären. Howard Hodgkin, Vertreter Englands auf der Biennale von Venedig 1984, arbeitet (verglichen mit dem Tempo, das andere malende Zeitgenossen vorlegen) langsam, mitunter fünf Jahre und länger an einem seiner eher kleinformatigen Bilder. Er malt Schicht auf Schicht, ohne Angst, dabei die ursprüngliche Kraft der Empfindung zu zerstören. Das erinnert an die in zahlreichen, sorgfältig abgestimmten Arbeitsgängen entstandenen Ölbilder des 15. und 16. Jahrhunderts. Der Vergleich dieser feinen alten Werke mit Hodgkins abstrakten, bunten Bildern ist durchaus nicht so abwegig, wie er erscheinen mag. Ein „klassischer Künstler“ zu sein, „dem es gelingt, alles Fühlen, alles Empfinden in eine harmonische, anonyme Bildarchitektur der Erinnerung zu verwandeln“, das ist Hodgkins Ehrgeiz. (Kestner-Gesellschaft bis zum 27. Mai, Katalog 34,– DM) Elke von Radziewsky

Ulm: „Magnus 117 – Kunst in der Halle“

Es hat sich herumgesprochen, daß Kunst unserer Tage (und dreidimensionale ganz besonders) in stillgelegten Fabrikhallen oft besser zur Geltung kommt als in den Räumen eines Museums. Wo früher gearbeitet wurde, haben sich immer irgendwelche Spuren der Vorbenutzung erhalten, Erinnerungen an die technische Produktion, auf die künstlerische Produktion antworten kann. In dieser Umgebung wird deutlicher sichtbar, daß auch Kunst das Ergebnis eines Arbeitsprozesses ist (das gilt für die mächtigen Holzskulpturen von Magdalena Jetelovä ebenso wie für die mit einem Stahlseil ausgehöhlten Granitblöcke von Nikolaus Gerhart), hier machen auch ironische Kommentare zur gescheiterten Utopie des Sozialismus (Stephan Huber und Olaf Metzel) durchaus Sinn und selbst die Mimikry frühindustrieller Mechanik (Albert Hiens „Hammerwerk“). Auch die Inszenierung von Natur als Gegenwelt (Renate Anger) oder die Metapher vom Untergang der Technik (Hans Dieter Schaal) erhalten in solchen Räumen einen Stellenwert, den sie in den Sälen eines Museums nicht hätten. Installationen, die direkt auf den Raum antworten (Gabriele Schmidt-Heins), machen umgekehrt aber auch deutlich, was hier nicht geht – nämlich einfach Arbeiten der Arte Povera oder der Minimal Art irgendwo in einer Ecke abzustellen. Eine Fabrikhalle ist eben doch kein Museum. (Fabrikhalle, bis zum 19. Mai; Katalog 20 DM). Helmut Schneider