Von Stefan Rahmstorf

Der Fahrschein 3. Klasse für die 108 Kilometer von Alexandria nach El Alamein kostet 20 Piaster (etwa 50 Pfennig). Der Komfort ist dementsprechend: Die alten Waggons sind völlig heruntergekommen und dreckig und verbreiten einen Duft von Urin. Wo noch Fensterscheiben vorhanden sind, sind sie blind und undurchsichtig. Die meisten Mitreisenden sind Soldaten unterwegs zu ihren Stellungen im Westen.

Zunächst geht die Fahrt durch die armen Randbezirke und Elendsviertel von Alexandria. Kinder werfen mit Steinen nach dem Zug. Auf einmal kracht, einer davon durch eine Fensterscheibe, Glassplitter fliegen. Doch niemand schenkt dem besondere Beachtung.

Draußen werden die Siedlungen seltener, wird die Vegetation karger – wir fahren durch die Wüste. Das Mittelmeer bleibt unsichtbar im Norden. Dreieinhalb Stunden lassen wir uns auf den harten Holzbänken durchrütteln, dann hält der Zug in El Alamein.

Wir sind mit ziemlich naiven Vorstellungen hierher gefahren, hatten an ein altes Hafenstädtchen an einer Meeresbucht gedacht, doch was wir sehen, ist nur ein Häuflein kleiner, rechteckiger Häuser, die verstreut in der Wüste liegen. Ein trostloser, wenig einladender Anblick. Wo können wir hier übernachten? Ein hilfsbereiter Araber bugsiert uns erst einmal in das Häuschen des Bahnhofsvorstehers und bedeutet uns, dort zu warten. Einige neugierige Soldaten kommen vorbei und versuchen ihre wenigen Brocken Englisch an uns.

Nach zehn Minuten erscheinen schließlich zwei Uniformierte, die offensichtlich über Autorität und Bildung verfügen und sich höflich vorstellen: Hauptmann Medhat, ein untersetzter, freundlicher Endzwanziger, sowie Leutnant Mohammed, ein gutaussehender, schlanker junger Mann mit einem sehr charmanten Lächeln. Langsam dämmert uns, daß unsere Ankunft eine kleine Sensation ist in dem Dorf, das im Zweiten Weltkrieg zu trauriger Berühmtheit gekommen ist. Am 30. Juni 1942 blieb der Vormarsch des deutschen Afrikakorps, das in eineinhalb Jahren von Tripolis an der Mittelmeerküste entlang bis nach Ägypten hinein vorgedrungen war, stecken. Die erfolggewohnten Truppen unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel, dem „Wüstenfuchs“, stießen bei dem Dorf El Alamein auf eine in aller Hast von den Briten errichtete Verteidigungslinie. Ein monatelanger Stellungskrieg begann. Am 23. Oktober blies General Montgomery zum Großangriff auf die deutschen Stellungen. Als der kranke Rommel, der sich in einem deutschen Sanatorium aufgehalten hatte, drei Tage später an der Front eintraf, konnte er die Niederlage nicht mehr abwenden. Im Wüstensand um El Alamein blieben 90 000 Gefallene zurück.

Zwar kommen oben an der Straße regelmäßig Touristenbusse vorbei, die bei den Soldatenfriedhöfen haltmachen, doch die beiden letzten Fremden, die hier aus der Eisenbahn gestiegen sind, waren ein Australier im Februar und ein Hamburger vor zehn Monaten, der sich, so wird uns erzählt, vor Betreten der Gedenkstätte in eine Deutschlandfahne gehüllt hat.