Von Ben Witter

Sein Abgeordneten-Büro im Bundeshaus gewährt ihm einen Blick aus sanfter Höhe am Langen Eugen vorbei auch noch zu den Bergen. Mitten auf seinem Schreibtisch, zum Blickpunkt zurechtgemacht, zwei Aktenordner. Einer war aufgeschlagen. Gegenüber hängt ein Ölporträt Konrad Adenauers, das beim Umzug fingernagelspitze Stoßstellen erlitt. Und daneben Rainer Barzels Gesicht, leicht gebräunt und immer noch viel zu glatt für Falten; eine runde Sache, nach wie vor. Barzel sprach von achthundert Aktenordnern, die sich inzwischen angesammelt hätten, und er habe jetzt Zeit genug, sie alle gründlich durchzuarbeiten: "Ein Schatz, der bereitsteht."

Die Sekretärin arbeitet nur halbtags, unseren Kaffee kochte eine Kollegin, und Rainer Barzel faßte nach hinten: "Da sitzt die Arthrose. Meine Rückenwirbel sind geschädigt. Sie verursachen einen Dauerschmerz." Wir wurden uns darüber einig, daß man Schmerzen nicht beschreiben kann. "Ein Herzinfarkt drohte, als ich vor den Flick-Ausschuß geladen war. Der Arzt saß hinter mir." In diesem Tonfall diktiert man Aktennotizen. Auf dem Korridor nickten Kollegen und Mitarbeiter, die es eiliger hatten, und Barzel lächelte dazu wie jemand, dessen liebste Gewohnheit es ist, freundlich zu sein, ohne dadurch immer besonders aufzufallen.

Vor dem Bundeshaus stand ein alter Bekannter von ihm, und Rainer Barzel sagte: "Das ist ein echter Republikaner. Wahrscheinlich wählt er SPD, aber er würde auf dieser Treppe unsere Republik verteidigen, wenn es notwendig wäre." Und er blieb bei kräftigen Worten: "Die Renovierungsarbeiten am Bundeshaus werden immer dringender. Falls der Plenarsaal ein Kino wäre und ich der Besitzer, müßte ich den Laden sofort schließen. Aber Sachverständige kontrollieren ständig die Sicherheit, und bald nimmt uns ja das sanierte Wasserwerk dort vorübergehend auf."

Am Rheinufer warteten wir auf Schiffe. Es war ziemlich grau mit Windstärken 3 bis 4. Ein leerer Vergnügungsdampfer kam vorbei. Wir kehrten auf den Fußweg zurück. Arbeiter verlegten auf dem abgetretenen Rasenfeld vor einem brusthohen Kriegerdenkmal Grasnarben. Ich fragte mich, mit welchem Geschrei man später die Hunde vom Denkmal wegbekäme. Rainer Barzel zeigte in den Himmel, und die Erinnerung trat aus seinem Mund: "Als Freiwilliger der Luftwaffe bin ich im Krieg öfter in dieser Richtung über Bonn geflogen. Wir starteten in Travemünde." Während er seinen Erinnerungen noch Blicke nachschickte, verschob sich sein Mantel über dem Revers seines Jacketts. Im Knopfloch hatte er eine Ordensschnalle:

"Das ist die einzige Ausführung der höchsten Stufe des Bundesverdienstkreuzes", erklärte Barzel. "Sie steckt in jedem Knopfloch meiner Sackos." Belohnung für einen perfekt funktionierenden Politiker, mit 38 Jahren jüngster Bundesminister, mit 40 der jüngste Fraktionsvorsitzende, im Umgang mit Siegen und Niederlagen immer sicherer geworden und mit ständig wachsender Fähigkeit zum Anpassen, Ausgleichen und Umdenken. Ich sagte, daß er als einer der intelligentesten Verlierer gelte. Barzel korrigierte mich: "Ich würde nicht verlieren sagen, sondern fallen, nach vorn fallen und annehmen. Ich lasse mir die Initiativen nicht rauben. Und nach dem gescheiterten Mißtrauensvotum gegen Willy Brandt, in der Nacht habe ich Sympathien gewonnen. Brandt wollte mit mir nachher einen Whisky trinken, doch ich fand Bier passender, denn ich befürchtete Unruhen."

Das Knopfloch verschwand wieder unter dem Mantelkragen, und ich überlegte, wer außer Steiner ihm von den eigenen Leuten damals in den Rücken gefallen war, und wie er zu Kurt Biedenkopfs Einlassung vor dem Flick-Ausschuß stand, er, Barzel, drohte damals, 1973, ein sozialer Fall zu werden, was Biedenkopf vorher auch noch schriftlich gegeben hatte, allerdings in Gänsefüßchen. "Ich habe zu Punkt 1 niemals Nachforschungen angestellt. Vielleicht wird einer auf dem Sterbebett seine Seele befreien. Das hätte mir damals allerdings so wenig genutzt wie heute. Und ob Biedenkopfs Bemerkung gutgemeint war oder ironisch, es war Gift."