Die folgende Begebenheit bekamen wir von unserem langjährigen Hospitanten Josef zugetragen. Auf einer kleinen Senderreise hatte Josef unlängst in Baden-Baden ein sogenanntes unabhängiges Politologenbüro besichtigt, von dessen Existenz ihn Arno Wallmann nicht ohne Hintergedanken in Kenntnis gesetzt hatte.

Nachdem Josef sich alles artig angeschaut und nur die intelligentesten Fragen gestellt hatte, war er von dem Baden-Badener Politologenkönig Elßner in dessen Stadtwohnung zum Abendessen eingeladen worden. Während Elßner nämlich, so Josef, über einen Landsitz am Kaiserstuhl verfügt, in welchem Frau und Kinder untergebracht sind, teilt er die sogenannte Stadtwohnung in Baden-Baden mit einer um siebenundzwanzig Jahre jüngeren Geliebten namens Stephanie.

Abends bekam Josef dann, wie er sagt, kaum einen Bissen runter, so sehr hatte er sich auf Anhieb in Stephanie verknallt. Elßner aber, der sich in entspannungspolitischen Kühnheiten erging, habe sich hörnen lassen und von den verstoßenen Blicken zwischen Josef und Stephanie nichts bemerkt. Wenn man Josef glauben schenken darf, haben sich die Verliebten bereits am nächsten Vormittag heimlich im Nußgärtel getroffen. Dabei habe Stephanie unseren Hospitanten in ihren Plan eingeweiht, daß sie mit einigen Freundinnen am Wochenende nach Brüssel zu fahren gedenke, um sich nach dem Stand der Menschenrechte zu erkundigen. Wenngleich Josef, der durch die strikte Schulung unserer Runde gegangen ist, mit einem derartigen Vorhaben naturgemäß nicht viel anfangen konnte, sagte er aus verständlichem Grund die Mitreise nach Brüssel zu.

Drei Tage später war es soweit. Mit vier politisierenden Frauen in einen engen Renault gezwängt, dazu noch als relativ unpolitischer Mensch, kokettiert Josef, kam ich mir vor wie der Hahn im Korb. Die Fahrt sei rasch vorangegangen, die Witterung günstig, die Stimmung im Wageninneren bombig, und auf der Höhe des Rheinlandes habe man sich entschlossen, die Autobahn zwecks Mittagspause zu verlassen. Nachdem wir uns in dem Gasthaus eines trostlosen Straßendorfes eine allgemein als zu fett empfundene Schlachtplatte zu Gemüt geführt hatten, sagt Josef, stießen wir nebenan auf eine unscheinbare Konditorei, in der wir uns etwas zu naschen holen wollten, um den schlechten Geschmack loszuwerden und dann flugs die Reise nach Brüssel fortzusetzen, wo man sich, wie gesagt, nach dem Stand der Menschenrechte erkundigen wollte. Bereits durch das Schaufenster der kleinen Konditorei war die Wahl schnell getroffen. Josef wurde deligiert, fünf Negerküsse aus dem Geschäft zu holen, während sich die Frauen schon mal auf den Weg zu dem hinter dem Gasthaus geparkten Auto machten.

Und jetzt kommt es, sagt Josef. Nachdem ich mit dem Betreten der Konditorei auch die Türglocke zum Klingen gebracht hatte, erschien kurze Zeit später eine attraktive Negerin hinter der Vitrine und fragte mich in rheinischem Akzent nach meinem Wunsch. Ein Kriegskind, schoß es mir durch den Kopf, so Josef. Ich war völlig perplex und verfluchte sofort, daß ich mich überhaupt auf diese Reise eingelassen hatte. Die Menschenrechte, so Josef weiter, hatten mich ohnehin nie interessiert, der erste Mißklang mit Stephanie war auch bereits aufgetreten, als sie mir nämlich den ganzen Appetit an der Schlachtplatte mit Fotografien iranischer Giftgasopfer verdorben hatte, und nun sollte ich bei einer Negerin fünf Negerküsse bestellen, so Josef ganz außer sich.

Stumm deutete ich auf das Tablett mit dem Naschwerk und zeigte mit den Fingern meiner rechten Hand die Zahl Fünf, sagt Josef, woraufhin die Negerin freundlich nachgefragt habe, fünf Mohrenköpfe, und Josef sie automatisch verbessert habe, fünf Negerküsse. Nun war es raus, sagt Josef, und mir fiel es wie Schuppen von den Augen, daß wir in Brüssel definitiv nichts über den Stand der Menschenrechte in Erfahrung bringen würden. Ich zahlte, dankte und verließ eilig das Geschäft.

Den Frauen im Renault erzählte ich kein Wort von den Mohrenköpfen, dafür schmeckten sie um so besser, und wirklich haben wir später in Brüssel rein gar nichts über den Stand der Menschenrechte erfahren, die Liebesnächte mit Stephanie aber wären ein Kapitel für sich, schließt Josef vieldeutig ab.