Rau und Worms im Endspurt: Jeder mobilisiert sein altes Milieu

Von Nina Grunenberg

Kopfarbeit wurde in diesem Wahlkampf nicht verlangt. Auf Herz und Gemüt der Bürger Nordrhein-Westfalens spekulierten die Parteistrategen dafür um so mehr – allen voran die regierenden Sozialdemokraten. Mit der Absolutheit von Frischbekehrten, die noch von ihren Aha-Erlebnissen bei der Beobachtung des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs zehren, entfesselten sie zwischen Rhein und Ruhr eine Optimismuskampagne, in deren Mittelpunkt keine Politik und kein Programm stand, keine Mannschaft und kein Versprechen, sondern nur ein einziger Mensch: Johannes Rau, der 54jährige Sozialdemokrat, als Landes- und Familienvater.

Das Wahlkampfplakat, das am meisten Interesse fand, zeigt ihn als Vater, auf der Schulter den Säugling, an der Seite die Ehefrau. Das herzerwärmende Bild, ursprünglich als privater Schnappschuß fürs Familienalbum entstanden, bestätigt geschickt die Fama, wonach jeder weiß, wie froh der Ministerpräsident seinem Junggesellendasein entsagte, wie gern er sich mit seiner jungen Frau Christina, einer Enkelin seines politischen Ziehvaters Gustav Heinemann, bewundern läßt und was für ein hingerissener Kindernarr er ist.

Ecce homo! Der Mensch ist die Botschaft. Die Christdemokraten, die mit ihrem Spitzenkandidaten Bernhard Worms zwar auch einen Menschenfreund vorzeigen können, aber leider keinen großen Stimmenfänger, ärgert an dem Familienphoto am meisten, daß jeder Hinweis auf die Mitgliedschaft von Vater Rau in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands unterlassen wurde. Vom Plakat grüßt er nur noch als "unser Ministerpräsident". Über innere Hemmschwellen, die die sozialdemokratische Kinderstube mit ihrer Erziehung zu Emanzipation, Aufklärung und Argumentation in ihnen hinterlassen hat, helfen sich Raus junge Zuschläger mit fröhlichem Zynismus hinweg und mit der Hoffnung, daß der Sieg die Mittel schon heiligen wird. Ihr Ziel für die Wahl am kommenden Sonntag: die Verteidigung der absoluten Mehrheit der Sozialdemokraten im Düsseldorfer Landtag und die Stärkung des "roten" Nordrhein-Westfalen als Gegengewicht zu Helmut Kohls konservativer Wende-Republik.

Wenn am 12. Mai alles so bleibt, wie es bisher gewesen ist, hätte sich der Wahlkampf in den Augen vieler Bürger schon gelohnt. Das ist nicht nur eine Stimmung unter den Sozialdemokraten, sie reicht weit ins bürgerliche Lager hinein. Immerhin 24 Prozent der CDU-Wähler finden, daß Johannes Rau ihnen lieber ist als Bernhard Worms. Niemand braucht Angst vor dieser Sorte Sozialdemokraten zu haben. Im Ernst läßt sich auch nicht behaupten, daß Rau und seine Regierungsmannschaft mit ihrer absoluten Mehrheit der Mandate in den letzten fünf Jahren eine offensive "rote" Politik betrieben und Wähler damit abgeschreckt hätten.

Im immer noch wichtigsten und größten Industrieland der Bundesrepublik wurde repariert und korrigiert, vor allem aber wurde gespart und gestrichen – nicht anders als im Bund. Neuer, revolutionärer Impulse hat sich die Landesregierung nicht verdächtig gemacht. Freiwillig verzichtete sie auf manches, was sich auch ohne Aufwand hätte machen lassen. In der Behindertenpolitik, in der Frauenpolitik setzt beispielsweise die bürgerliche Regierung in Berlin mutigere Akzente als die Sozialdemokraten in Düsseldorf. Seit dem Rücktritt der Justizministerin Inge Donnepp gehört ihrem Kabinett nicht einmal mehr eine Frau an – ein Defizit, das in Hamburg oder München nicht ohne Protest hingenommen worden wäre, stellt sich in Düsseldorf allenfalls als bedauerliches kosmetisches Problem.