Anhänger der verbotenen „Solidarität“ nutzten die offiziellen Maifeiern zum Protest gegen das Jaruzelski-Regime.

Fünf Tage, nachdem die Führer der Warschauer-Pakt-Staaten ihr Militärbündnis feierlich bekräftigt hatten, war es in der polnischen Hauptstadt mit dem schönen Schein der innenpolitischen Normalisierung vorbei. Die Beteuerung General Jaruzelskis bei der Maifeier in Warschau, die „Zeit der Unruhe, Anarchie und Auflehnung“ sei vorbei, entpuppte sich als Wunschdenken.

In Danzig mischten sich rund fünfhundert Anhänger der „Solidarität“ unter die Teilnehmer des offiziellen Maiumzugs. Miliz und Polizei gingen mit Tränengas und Schlagstöcken auf die ungebetenen Gäste los; diese antworteten mit einem Hagel von Pflastersteinen.

Daß sich ein Protestzug in Warschau friedlich auflöste, war vor allem der Verdienst des Dissidenten Jacek Kuron und des Solidaritätsführers Seweryn Jaworski, die mit der Polizei verhandelten. Dennoch wurden die beiden festgenommen und wegen Teilnahme an einer „illegalen Zusammenrottung“ zu drei Monaten Haft verurteilt.

Nicht nur die Gegner im Innern irritieren das Jaruzelski-Regime; es hat auch den äußeren Feind neu entdeckt. Zwei amerikanische Diplomaten, die die Demonstration in Nowa Huta beobachteten, wurden festgenommen und des Landes verwiesen, weil sie sich an die Spitze des „staatsfeindlichen“ Umzugs gesetzt hätten. Das State Department nannte den Vorwurf „lächerlich

Washington protestierte seinerseits dagegen, daß einer der Diplomaten bei seiner Festnahme mißhandelt worden sei, und erklärte im Gegenzug vier polnische Botschafts- und Konsulatsangehörige zu unerwünschten Personen. Das polnische Außenministerium verbot den Amerikanern daraufhin, ihre Botschaft in Warschau weiter per Kurierflugzeug aus Frankfurt mit Vorräten und Post zu versorgen

Arbeiterführer Lech Walesa warnte die polnische Führung vor weiterer Repression. Die Lage könne sonst „dramatisch“ werden. Die Regierung solle sich endlich zum Dialog mit der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung und der Kirche durchringen: „Man kann nicht mit Schlagstöcken regieren.“ M.N.