Überraschend kam das Embargo nicht, das der amerikanischen Präsident Reagan in der vorigen Woche über Nicaragua verhängte. Allenfalls der Ort der Entscheidung – die Gipfel-Stadt Bonn – verblüffte (und verärgerte den Gastgeber). Das timing erklärte sich ebenfalls unschwer – kurz nach der Abstimmungsniederlage des Präsidenten im Kongreß, der ihm 14 Millionen Dollar für die antisandinistische Contra verweigerte, und wenige Tage vor dem umstrittenen Besuch auf dem Soldatenfriedhof Bitburg. Daß die Gipfelpartner mehr oder minder entschlossen sich dem Embargo verweigerten, hat wiederum den Präsidenten nicht erstaunt. Er kennt die europäischen Vorbehalte gegen seine Mittelamerika-Politik.

In diese, seit 1981 diplomatisch und militärisch vorbereitete Neuauflage der Monroe-Doktrin, die in ihrer unfreundlicheren Version lautet: „Im Hinterhof (oder Vorgarten) bestimmen wir“, fügt sich das Embargo nahtlos ein. Managua hatte es 1981 zum ersten Mal erwartet; zwei Jahre später (1983) wurde es teilweise verhängt, als die Vereinigten Staaten ihre Importquote für nicaraguanischen Zucker auf ein knappes Zehntel kürzten. In einem nie eingestandenen Wettlauf mit der Zeit lenkte Managua deswegen seinen Außenhandel auf andere Abnehmer um; dieser Prozeß war noch nicht abgeschlossen, aber so weit fortgeschritten, daß die Entscheidung der vergangenen Woche wohl ausgesprochen schmerzhaft, aber nicht tödlich ist. Nichts anderes lassen die lateinisch aufgeregten Erklärungen aus Managua erkennen: viel Empörung, kombiniert mit dem Versuch, auf der weltpolitischen Bühne Sympathien zu sammeln, und die Versicherung, man werde das Embargo überleben und keine politischen Konzessionen machen.

In der Reihe der vielen kleinen Nadelstiche war es ein grober Nagelstich, für den Reagan dank einer sandinistischen Ungeschicklichkeit sogar Beifall bei seinen innenpolitischen Gegnern findet: Erst bejubelte Präsident Ortega die Kongreß-Entscheidung als Sieg der Vernunft, dann brach er zu einer Reise in den Ostblock via Kuba auf: Die eine Demonstration wurde mit einer anderen beantwortet.

Das Embargo hat deshalb einen wirtschaftlichen und einen politischen Aspekt. Wirtschaftlich trifft es Nicaragua hart. Dessen Importe aus den Vereinigten Staaten (rund 110 Millionen Dollar im Jahr 1984) umfassen Düngemittel und Pestizide, Speiseöl und Chemikalien. Für diese Waren lassen sich Ersatzlieferanten finden, aber das mit rund 4,5 Milliarden Dollar im Ausland verschuldete Land besitzt keine Devisen und kann zum Beispiel seit zwei Jahren seine nordamerikanischen Kredite nicht mehr bedienen. Mit der Sperrung seiner Lieferungen in den Norden (Fleisch, landwirtschaftliche Produkte und Meeresfrüchte für knapp 60 Millionen Dollar) ist eine wichtige Devisenquelle verstopft; harte Devisen – keine „weichen“ Rubel – sind aber nötig, um in den bevorstehenden Umschuldungs-Verhandlungen überhaupt einen Erfolg zu ermöglichen.

Das Embargo wird freilich auch Auswirkungen haben, die Reagan sich nicht wünschen kann. Schätzungsweise 50 Prozent der Industrie und Landwirtschaft Nicaraguas befinden sich noch in den Händen des privaten Sektors, und viele dieser Unternehmen sind mit amerikanischen Maschinen ausgerüstet. Wegen der leeren Devisenkassen war es eh schon schwierig, Ersatzteile zu beschaffen. Das wird jetzt noch schwieriger (wenn auch nicht unmöglich, nämlich über die Auslandsfilialen amerikanischer Hersteller), und damit trifft es gerade jene Gruppen, die bislang in Nicaragua die nichtgewalttätige Opposition gegen die Sandinisten bilden. Was mit ihren Unternehmen geschieht, wenn sie stilliegen, ängstigt die Unternehmer: Verstaatlichung ist damit leicht begründet. Fraglich ist auch, ob das Landeverbot für die staatliche Fluglinie Aeronica in Miami den gewünschten Effekt haben wird. Aeronica muß nach dem Verlust der Dollar-Kunden den Flugverkehr einstellen. Damit verschwindet ein psychologisch wichtiges Moment, der direkte Weg in das für viele Oppositionelle gelobte Land, der sie bewog, noch in Nicaragua auszuharren.

Wichtiger erscheinen jedoch die politischen Aspekte des Embargos. Zum einen demonstriert die Administration, daß sie trotz der Kongreß-Entscheidung den ständigen Druck auf Nicaragua fortsetzen wird – eine Politik übrigens, für den sie Beifall bis weit in den Reihen der Demokraten findet, die lediglich die Finanzierung von Mörder- und Söldnerbanden nicht mitmachen wollen. Der zweite Adressat der Embargo-Entscheidung heißt Contadora, und von den vier Vermittlerstaaten hat Mexiko in einer schnellen Reaktion erkennen lassen, daß die Botschaft verstanden wurde.

Seit Beginn der Auseinandersetzungen zwischen Managua und Washington, die schon unter Jimmy Carter 1980 begannen, weigerte sich Nicaragua, das traditionelle „Mitspracherecht qua Macht“ der Vereinigten Staaten zu akzeptieren. Die Probleme mit dem großen Bruder und den kleinen Nachbarn wollte es bilateral lösen. Der Vorschlag der Contadora-Gruppe war ein Kompromiß – eine multilaterale, regionale Konfliktlösung, freilich unter Ausschluß der Vereinigten Staaten, die seitdem keine Gelegenheit verstreichen lassen, um klarzumachen, daß sie als Nichtmitglied der Contadora auch an deren Pläne und Beschlüsse nicht gebunden sind. Und Washingtons Ziel steht seit der Wende 1982/83 fest: Beseitigung der Sandinisten – gleichgültig unter welcher diplomatischen Umschreibung.