Verkaufseinbrüche: Großhandelskette Metro entmachtete ihren Vertriebschef und sucht ein neues Konzept

Daß sich etwas zusammenbraute, spürten die Metro-Mitarbeiter bereits am Montag vergangener Woche: Otto Beisheim, Gründer und Drittel-Gesellschafter der multinationalen Großhandelskette, tauchte – zum ersten Mal nach langer Zeit – wieder einmal in der Düsseldorfer Zentrale auf. Daß den im sonnigen Florida domizilierenden, manisch öffentlichkeitsscheuen Milliardär durchaus ernste Probleme zu einer Blitzvisite an den Rhein veranlaßt hatten, erfuhren seine Leute schon am nächsten Tag. Fritz Rauen, Chef der zentralen Vertriebsleitung, so wurde dem Führungskader in einem dürren Statement mitgeteilt, werde seinen Posten schon am nächsten Tag verlassen, um in der Firma künftig „eine andere Aufgabe“ zu übernehmen.

Die kurzfristige Ablösung Rauens überraschte die Metro-Mannschaft um so mehr, als der noch im besten Manageralter stehende Vertriebschef als Beisheim-Vertrauter der ersten Stunde galt und in der Metro-Gruppe eine fast achtzehnjährige makellose Karriere absolvierte. Nachdem Beisheim vor Jahren seinen Wohnsitz ins Ausland verlegt hatte, ließ er den treuen Weggefährten sogar in seine Mülheimer Villa einziehen.

So überraschend, wie der Managerwechsel vielen Mitarbeitern erschien, war er in Wirklichkeit jedoch nicht. Denn bei Metro ist einiges aus dem Lot geraten. Seit Monaten schon leidet das Geschäft in der erfolgsgewohnten cash and carry-Kette an akuter Schwindsucht. Stimmt bei Lebensmitteln die Kasse noch leidlich, sind die Einbrüche auf dem prozentual überwiegenden Nonfood-Sektor besorgniserregend. Hier betragen die in den letzten Monaten eingetretenen Umsatzverluste gegenüber der entsprechenden Vorjahreszeit teilweise zwanzig Prozent und mehr. Die Warenbestände in den Metro-Märkten sind erheblich angestiegen.

Daß dieses Malheur ausgerechnet Erwin Conradi, Otto Beisheims mächtigem Metro-Chef, passieren mußte, erfüllt manche Konkurrenten des vom Schweizer Niedrigsteuer-Kanton Zug aus geführten Handelsriesen mit nicht geringer Schadenfreude. Denn kaum ein anderer in dieser Branche steht seit Jahren unter so heftigem Dauerbeschuß, wie der gerade fünfzig Jahre alt gewordene ehemalige IBM-Manager.

Vor allem die Einzelhandelsverbände werfen dem Metro-Chef vor, systematisch die einem Großhandelsunternehmen gesetzlich vorgegebenen Grenzen zu überschreiten und ungeniert den Privatbedarf seiner Kunden zu decken sowie darüber hinaus in großem Stil Letztverbraucher zu bedienen. Erst kürzlich sickerten wieder Informationen über eine neuerliche Anwerbeaktion von Privatkunden aus dem Unternehmen an die Öffentlichkeit. Conradi will in seinem Vorgehen indes lediglich den Versuch sehen, „zu ergründen, wie der Letztverbraucher auf unsere Sortimente reagiert“. Seine Widersacher bewerten die Metro-Masche allerdings bis heute als illegale Praxis, um unter Ausnutzung spezifischer Großhandels-Wettbewerbsvorteile, vor allem längerer Öffnungszeiten, dem Einzelhandel Käufer abzujagen.

Conradi, der mit seiner umstrittenen Strategie bisher überzeugende Erfolge vorweisen konnte, stößt inzwischen überall an schwer zu verrückende Grenzen. An inneren Rationalisierungsreserven hat er herausgeholt, was nur herauszuholen war: Mit Personalkosten in Höhe von fünf bis sechs Prozent vom Umsatz steht das mit starker EDV-Unterstützung geführte Unternehmen so günstig wie kaum ein anderes da. Dank einer hervorragenden Organisation liegt die Inventurdifferenz, woanders vor allem durch zunehmende Diebstähle eine immer größer werdende Verlustquelle, mit nur einem halben Prozent extrem niedrig. Nach der Beteiligung am Kaufhof, dessen Aufsichtsrat Conradi leitet, und die der Metro durch Einkaufskooperationen noch einmal zu besten Konditionen bei der Industrie verhalf, ist auch diese Karte weitgehend ausgereizt.