Fast vierzig Jahre lang war es ein Buch – beziehungsweise ein Kapitel – mit sieben Siegeln: die Geschichte der Schweizer Goldgeschäfte mit dem Deutschen Reich während des Zweiten Weltkrieges. Dabei geht es vor allem um die Geschäfte mit der Deutschen Reichsbank in den Jahren 1939 bis 1945. Erst jetzt, kurz vor dem 40. Jahrestag der Kapitulation kam Licht in das Dunkel, das diese Transaktionen jahrzehntelang umgab. Die Dokumente aus der damaligen Zeit waren bis vor kurzem der Öffentlichkeit und der Geschichtsforschung nicht zugänglich, weil sie einer Sperrfrist von 35 Jahren unterliegen. Nach ihrem Ablauf kann nun ein für die Schweizerische Nationalbank wenig rühmliches Kapitel ihrer Geschichte rekonstruiert werden.

Die Eidgenossen haben während der Kriegsjahre tonnenweise Gold gekauft – gegen harte Devisen, die das Reich damals dringend brauchte, um Geheimdienste zu finanzieren, Spione zu entlohnen und kriegswichtige Rohstoffe zu kaufen, die die Rüstungsindustrie weder im eigenen Land noch in den besetzten Gebieten in den erforderlichen Mengen auftreiben konnte: Wolfram, Magnesium, Aluminium. Durch Goldverkäufe in der Schweiz hat sich Hitler rund neunzig Prozent der Devisen beschafft, die er in jenen Jahren zur Verfügung hatte.

Die Chefs der Nationalbank hätten damals schon wissen müssen – es vielleicht aber nicht wissen wollen –, daß das von der Reichsbank angebotene Gold nicht aus deutschem Besitz stammen konnte. Das Dritte Reich verfügte 1939 über keine nennenswerten Bestände des gelben Metalls. Ende 1938 hatte die Reichsbank lediglich einen Goldbestand im Wert von 70,8 Millionen Reichsmark (damals 122 Millionen Franken) ausgewiesen. In den Kellern der Schweizer Nationalbank in Bern, wo viele ausländische Regierungen ihre Schätze lagerten, hatte Berlin zunächst keinen der vergitterten Schränke für die Einlagerung von Goldbarren gemietet. Erst im Mai 1940 hat sich die Reichsbank dort einen Platz reservieren lassen. Bis Mai 1945 wurde dann Gold im Wert von ungefähr 1,7 Milliarden Franken dorthin geschafft und zum größten Teil an die Schweizer Nationalbank gegen harte Fränkli verkauft.

Das war nicht von vornherein ein verbotenes Geschäft. Auf wirtschaftlichem Gebiet gibt es keine Neutralität. Das stellen die Haager Konvention von 1907 und alle anderen einschlagigen internationalen Abkommen klar. Der Handel der Neutralen soll jedoch unparteiisch sein und kein Lager zum Nachteil des anderen begünstigen. Deshalb hatte die neutrale Schweiz ohne Zweifel das Recht, mit dem Deutschen Reich Geschäfte zu machen, also auch Gold zu kaufen – aber unter einer Bedingung: Es mußte redlich erworben sein.

Vierzig Jahre nach Kriegsende in Europa ist nun aber klar erwiesen, daß der größte Teil des aus Deutschland angelieferten Metalls gestohlen wurde. Eine Untersuchung des ehemaligen Archivars der Nationalbank, Robert Vogler, zeigt dies ebenso deutlich wie ein jetzt erschienenes Buch von Werner Rings: „Raubgold aus Deutschland“.

Von den 1,7 Milliarden Franken in Gold, die zwischen 1940 und 1945 durch die Schweiz geleitet wurden, sind nach Schätzung von Werner Rings mindestens 1,1 Milliarden Raubgold gewesen. Es stammte zum größten Teil aus Belgien. Aber auch Gold aus den Niederlanden und von verschiedenen anderen europäischen Zentralbanken wurde von der Reichsbank beschlagnahmt. Ein Teil des Goldes stammt auch aus Konzentrationslagern.

Die Geschichte des Goldes aus Belgien und anderen besetzten Gebieten ähnelt dabei in vieler Hinsicht dem Drehbuch für einen schlechten Krimi: Als Hitlers Armeen die Grenzen überschritten, versuchten die Notenbanken der angegriffenen oder bedrohten .Länder, ihre Goldvorräte zu retten und schafften sie in das zunächst sicher erscheinende Frankreich: 221 Tonnen kamen aus Brüssel, 57 Tonnen aus Warschau, zusammen zehn Tonnen aus Luxemburg, Oslo und den baltischen Staaten. Als die deutschen Truppen auch die Maginotlinie durchbrachen, wurden die insgesamt 288 Tonnen Gold von Paris nach Dakar geschafft, in die französische Kolonie Westafrika. Wert des Fluchtgoldes damals: rund 1,5 Milliarden Schweizer Franken.