Von Rudolf Wagner

Die Sachkenntnis des neuen deutschen Kommissars Alois Pfeiffer, verantwortlich für Wirtschaft in der Europäischen Gemeinschaft (EG), ist in Brüssel unbestritten. „Der Mann ist für uns ein ausgesprochener Glücksfall“, sagt auch einer der 82 Abteilungsleiter im Sprachendienst der Europäischen Gemeinschaft, und man weiß nicht so recht, ob er sein Urteil ernst oder spöttisch meint. Denn Alois Pfeiffer beherrscht nur seine Muttersprache. Er wäre in Brüssel hilf- und wortlos, wenn man nicht am Tage seines Dienstantritts dafür gesorgt hätte, daß eine Dolmetscherin und ein Übersetzer ständig nur zu seiner Verfügung stehen. Er ist übrigens nicht der einzige, der diesen persönlichen Service in Anspruch nehmen muß. Auch die beiden englischen Kollegen in der Chefetage von Brüssels Berlaymont-Gebäude können sich nur in ihrem nationalen Idiom verständigen. Aber sie fallen weniger auf. Pfeiffer kann sich nicht einmal mit einem einzigen seiner Generaldirektoren unter vier Augen beraten.

Lange sind die Notwendigkeiten des Sprachendienstes nicht mehr so kraß bewiesen worden. Bei den Mittwochs-Sitzungen der EG-Kommission kommt es immer wieder vor, daß irgendein Positionspapier oder ein Dokument in englischer oder französischer Fassung vorgelegt wird, wenn aus Zeitgründen noch keine Übersetzung in die sieben Amtssprachen erarbeitet werden konnte. Um Pfeiffer nicht zu isolieren, nimmt sich Präsident Jacques Delors jetzt meist den Text und liest ihn langsam vor. Die Simultandolmetscher treten in Aktion. Der deutsche Wirtschaftskommissar macht sich als einziger Notizen.

Die Stimme im Kopfhörer, der er folgt, gehört Barbara Block. Die 26jährige ist in Belgien aufgewachsen und dolmetscht aus dem Französischen, Englischen und Italienischen. Sie versucht, bei Empfängen, Flur- und Treppengesprächen nicht immer hinter oder neben Pfeiffer zu stehen, ihn aber doch „im Auge zu behalten“, damit sie da sein kann, wenn er sie braucht. Eine erfahrenere Kollegin hatte diese Daueraufgabe an der Seite des Kommissars abgelehnt. Sie sei „zu alt dafür“, hatte sie schelmisch gesagt; die Wahrheit war wohl eher, daß sie sich gern etwas Privatleben bewahren wollte.

Barbara Block besetzt eine der rund 2500 Planstellen für Dolmetscher und Übersetzer, die im Gesamthaushaltsplan der EG verzeichnet und auf Parlament, Rat, Kommission, Gerichts- und Rechnungshof aufgeteilt sind. Sie ist natürlich keine Anfängerin mehr, die als Alleinstehende ohne Auslandszulage immerhin schon monatlich mindestens 3732 Mark brutto verdienen würde. Altgediente Kräfte kommen mit Zulagen auf knapp zehntausend Mark Gehalt, und die Abteilungsleiter erhalten oft noch einmal die Hälfte mehr. Diese Sprachbeamten reichen zusammen nicht aus, um das babylonische Wirrwarr in Brüssel, Luxemburg und Straßburg zu ordnen. Der gemeinsame Dolmetscher-Konferenzdienst hat beispielsweise zusätzlich 1257 freiberufliche Kollegen im Zentralcomputer gespeichert, die knapp ein Drittel aller anfallenden Arbeiten erledigen.

Die Europäische Gemeinschaft erlaubt sich eben sieben Amtssprachen, nämlich Dänisch, Englisch, Niederländisch, Französisch, Deutsch, Italienisch, Griechisch – und sie bezahlt diesen Luxus teuer. Es wäre einfach, die Personalkosten für Übersetzer und Dolmetscher zusammenzuzählen. In dieser Rechnung wären jedoch weder Sekretärinnen und Verwaltungsbeamte noch Techniker für die Sitzungsräume enthalten. Es gibt Fahrtkostenerstattung bei Dienstreisen, Mietkosten für die Datenanlagen der Textbearbeitungssysteme und Ausgaben für Hochglanzbroschüren, die übersetzt wurden. In einem Parlamentsbericht, der sich auf das Jahr 1979 bezieht, werden die sprachenbezogenen Kosten der Gemeinschaft bereits erschreckend hoch geschätzt: sechzig Prozent des Verwaltungsaufwands bei Parlament und Rat, fünfzig Prozent beim Europäischen Gerichtshof, 33 Prozent bei Kommission und Rechnungshof. Wegen des griechischen EG-Beitritts entstand zusätzlicher Personalbedarf. Wer die Zahlen aus dem EG-Haushalt 1984 einsetzt, kommt auf über 1,2 Milliarden Mark für die Sprachenvielfalt der Gemeinschaft.

Das Verhältnis von Aufwand und Leistung bleibt im dunkeln. Schuld daran ist der EG-Rechnungshof, der im Jahresbericht zum Haushaltsjahr 1981 den Übersetzern die Leviten gelesen hat. Jede bei den Gemeinschaftsorganen übersetzte Seite kostete damals durchschnittlich 202 Mark. Der Gerichtshof lag am unteren Ende der Skala. Nur 144 Mark mußten dort pro Seite berechnet werden, weil durch den Einsatz von Juristen-Übersetzern oft Nachprüfungen der geleisteten Arbeit eingespart werden konnten. Wer heute aktuellere Zahlen erfahren möchte, wird vertröstet, weil niemand sich mehr auf die Finger klopfen lassen will.