A m selben Wochenende, an dem die Politiker über die Gräberfelder von Bergen-Belsen und Bitburg schritten, verwandelte sich die Bühne im Schauspiel Köln in eine mit schwarzen Tüchern verhängte Gruft. In dieser Dunkelkammer, durch die ein vor der Rampe aufgestellter Punktscheinwerfer eine diagonale Lichtschneise legt, inszeniert Jürgen Gösch Pierre Corneilles Verstragödie in fünf Akten "Horatius" ("Horace", 1640) als elegisches Spiel von Krieg und Mord und läßt die letzten von etwa 1800 gereimten Versen in völliger Dunkelheit sprechen.

Am selben Wochenende, an dem das Hamburger Abendblatt in einer Beilage zum 40. Jahrestag der Kapitulation den Brief eines zweiundsiebzigjährigen Vaters dokumentiert, der am 1. April 1945 in einem Leserbrief an die SS-Zeitung Das Schwarze Korps schrieb: "Mein größter Kummer ist nicht, daß nun auch der letzte meiner drei Jungen vorm Feind geblieben ist, sondern, daß ich keine weiteren Söhne als Ersatz an die Front senden kann", hören wir im Kölner Theater diese Sätze eines alten Vaters, den Corneille vor fast dreieinhalb Jahrhunderten so sprechen läßt: "Rom sah mich heute als Vater von vier Kindern / Drei von ihnen starben für es an diesem Tage schon. / Der Ruhm ihres Todes ersetzt mir, was ich verlor."

Am selben Wochenende, an dem wieder nur eigene Verluste beklagt, die der anderen verschwiegen wurden (etwa die 50 000 sowjetischen Kriegsgefangenen, die unter dem Heidekraut des Konzentrationslagers Bergen-Belsen auch liegen) und an dem eigene Schuld aufgerechnet wurde mit "Kriegsverbrechen" anderer –: am selben Wochenende lauschen wir in Köln herzlosen Disputen darüber, ob es schlimmer sei, den Ehemann oder den Bräutigam, einen Bruder oder den Gatten in der Schlacht verloren zu haben. Das greise Familienoberhaupt herrscht trauernde Frauen, Tochter und Schwiegertochter, an: "Man weint nicht über das, was man persönlich verlor, / Ging daraus ein öffentlicher Sieg hervor. / Durch den Tod des Geliebten verlierst du nichts als einen Mann, / Ein Verlust, den dir Rom leicht ersetzen kann. / Drei Brüder starben durch die Hand des Gatten ihr, / Das gibt ihr mehr Recht zu weinen als dir."

Was ist das für ein Mörderspiel, in dem noch die Tränen der Trauernden auf die Waage gelegt werden? Ist die erste der "Römertragödien" eines der großen Dramatiker Frankreichs, des im deutschen Nachbarland so gut wie unbekannten Pierre Corneille (1606-1684), doch nicht nur ein Stück aus dem Theatermuseum?

Lessings kritische Attacken gegen den Rhetoriker Corneille, dessen Tragödien er in seiner "Hamburgischen Dramaturgie" tragisches Gefühl abspricht, hat Folgen bis heute. Auch Schillers Klage über die "wirklich enorme Fehlerhaftigkeit" von Corneilles Dramen, über die "Magerkeit und Trockenheit in Behandlung der Charaktere, die Kälte in den Leidenschaften" wird von Übersetzern und Theaterleuten nachgebetet.

Weshalb begeistern sich die Franzosen an diesen Stücken? Sind in der für deutsche Ohren leicht ermüdenden Schaukelbewegung des sechstaktigen iambischen Reimverses, des Alexandriners, und seiner starren metrischen Ordnung, die eine deutliche Zäsur in der Mitte jedes Verses verlangt, vielleicht nicht, doch Kräfte gebändigt, die in Anarchie und Chaos treiben? Ist es Zufall, daß in Deutschland gerade zwei Dichter und Übersetzer aus christlichem Geist, der Katholik Reinhold Schneider, der Protestant Rudolf Alexander Schröder, den Blick – und das Ohr – für Corneilles Kunst hatten und als kritische Essayisten und Übersetzer für ihn stritten?

Nach einer jahrhundertlang wiedergekäuten, langweilig "staatserhaltenden" These hat Corneille seine Dramen (auch) als Lehrspiele verfaßt, um das in den Bürgerkriegskämpfen der "Fronde" zerrissene französische Volk zu einigen, die von Richelieu und Mazarin geschaffene zentralistische Macht eines absoluten Herrschers zu festigen. Dann kann man "Horatius", der legendäre Kämpfe aus der Frühzeit Roms schildert, so verstehen: Die benachbarten Stadtstaaten Rom und Alba sind miteinander verfeindet. Beide liegen aber auch im Streit mit den Ur-Einwohnern, den Etruskern, die nur darauf warten, daß sich die neuen Siedler gegenseitig schwächen. Um das eigene Heer zu schonen, einigen sich die Städte, ihren Streit von jeweils drei Kämpfern austragen zu lassen. Rom wählt drei Brüder aus dem Haus der Horatier, Alba drei aus dem Haus der Curiatier. Einer der Horatier (Horatius) ist aber mit der Schwester der Curiatier (Sabina) verheiratet, einer der Curiatier (Curiatius) mit der Schwester der Horatier (Camilla) verlobt.