François Mitterrands Ablehnung einer französischen Teilnahme am amerikanischen SDI-Forschungsprogramm hat ein Leitmotiv des Kanzlers bei der eigenen Entscheidungsfindung in Schall und Rauch aufgelöst. Helmut Kohl ist zwar mit seiner prinzipiellen Bereitschaft, an der amerikanischen Forschung für eine Raketenabwehr aus dem Weltraum mitzuwirken, schon sehr weit gegangen. Doch als wichtiger Maßstab galt ihm stets auch ein deutsch-französisches Einvernehmen, überhaupt eine geschlossene westeuropäische Übereinkunft. Immerhin hatte sich ja der Ministerrat der Westeuropäischen Union erst vor zwei Wochen gerade auf dieses Ziel verpflichtet. Aber nun haben sich ausgerechnet Kohl und Mitterrand am weitesten voneinander entfernt.

Der Anlaß: Auf dem Bonner Siebener-Gipfel zogen beide völlig entgegengesetzte Schlüsse aus Ronald Reagans Beschreibung der SDI-Forschung. In Kohls Ohren blieb vor allem der Satz haften, es werde keinen einseitigen Technologie-Transfer aus Europa nach Amerika geben. Der Kanzler nahm das als eine Zusicherung, daß der Technologie-Austausch im Sinne einer Zweibahnstraße gehandhabt wird – für Bonn eine Vorbedingung. Hingegen platzte Mitterrand der Kragen, als Reagan den Europäern nur die Rolle von „Subunternehmern“ zuwies; er sah seinen tiefen Zweifel an wirklicher Partnerschaft aufs ärgerlichste bestätigt.

Das Zerwürfnis zwischen Bonn und Paris ist offenkundig. Kann der Schaden eingedämmt oder die Krise sogar überwunden werden, wenn beide Staatsmänner Ende Mai miteinander sprechen? Mitterrands Nein enthält auch flexibel verfaßte Passagen. Er lehnt „SDI in seiner gegenwärtigen Form“ ab. Wären Korrekturen denkbar, die Paris umstimmen könnten? Zu klären wäre ferner, wie Frankreichs Modell für die europäische Technologiegemeinschaft Eureca beschaffen sein wird, die für SDI-ähnliche Forschungsaufgaben gedacht ist. Ist Eureca bloß ein Ersatz für das amerikanische Angebot oder am Ende sogar – wie Mitterrand andeutete – eine Brücke, so daß diese Organisation als Partner Amerikas dann jene Zusammenarbeit durchsetzen könnte, die Washington heute gegenüber den einzeln auftretenden Europäern nicht einräumen will?

Für Eureca engagierte sich zumindest Hans-Dietrich Genscher in einem Ausmaß, das Bonn keinen Rückzug mehr erlaubt, ohne eine Kollision mit Paris zu riskieren. Eureca ist kostspielig. Aber auch eine deutsche Teilnahme am SDI-Programm schlüge erheblich zu Buche, sofern die Regierung Forschungsvorhaben zu finanzieren hätte und sich die Zusammenarbeit nicht auf Einzelabmachungen mit interessierten Unternehmen beschränken würde.

Die Bundesregierung sollte jedenfalls alles neu durchdenken. Ihr technologischer Zukunftsanspruch muß finanzierbar bleiben, und er sollte vereinbar sein mit dem Ziel der Bonner Europapolitik. Ein Alleingang wäre schwer vorstellbar. Kurt Becker