Abraham Sutzkewer – ein jiddischer Poet und Partisan aus Wilna / Von Hannelore Dauer

In einem Café in Tel Aviv. Im hintersten Winkel sitzt der Schriftsteller, unauffällig, mit Brille, Schnauzbart, Schirmmütze. Ein kleiner Junge am Nebentisch fragt: Wer ist der Mann? Das ist kein Mann, das ist eine Legende, antwortet die Mutter.

Der Legendäre, über Manuskripte und Kaffeetasse gebeugt, ist der jiddische Lyriker Abraham Sutzkewer: Poet, Widerstandskämpfer im Ghetto Wilna, Partisan, seit 1947 in Israel. Sein Werk, Übersetzungen, Interpretationen und Festschriften, füllt Bücherwände. Sutzkewer, mit Preisen und Auszeichnungen geehrt, ist seit 1949 Herausgeber der profiliertesten jiddischen Literaturzeitschrift Di goldene keit.

Abraham Sutzkewer bestellt mich in sein Café. Er schaut mich mit seinen blauen Augen freundlich an. Ich möchte Aufnahmen für eine Rundfunksendung machen. Ob er mir etwas aus seinem Leben erzählen kann... „Ich hob nit lib schprechn.“ Später lese ich bei der kanadischen Sutzkewer-Spezialistin Ruth Wisse, daß er grundsätzlich keine Rundfunk-Interviews gibt.

Ein Schriftsteller-Kollege Sutzkewers, E. Wogler, erinnert sich an gemeinsame Jugendjahre in Wilna. „Sutzkewer war der sonnigste von uns in unserem düsteren Jerusalem von Litauen. Er sah aus wie ein Adler, der sich in die Höhe schwingen wollte, dessen Flügel aber noch den Boden berührten.“ Als Zweiundzwanzigjähriger schrieb Sutzkewer in Wilna: „Hier bin ich, aufgeblüht in meiner ganzen Größe/verstochen von Gesang wie von feurigen Bienen.“

Das war 1935, als in Wilna eine Serie antisemitischer Terrorakte unter dem autoritären polnischen Regime begann. Sutzkewers Freunde in der Schriftsteller-Gruppe „Jung-Wilne“ fordern ein gesellschaftliches Engagement der Literatur. Sutzkewer sitzt unter den Frühlingsbäumen an der blauen Wilija und feilt an seinem „Blonden Beginnen“, wie er den Zyklus der Jugendgedichte später nennt.

Ein Photo, fast zehn Jahre später, vom Sommer 1944. Ich finde es in dem Katalog zur Ausstellung, die zu Sutzkewers 70. Geburtstag in Jerusalem gezeigt wurde. Sutzkewer, schmal, wie versteinert, auf den Ruinen des Jiwo-Gebäudes im befreiten Wilna. Jiwo war das weltberühmte jiddische Forschungszentrum. In diesem Gebäude wurde Sutzkewer 1942 mit anderen jüdischen Intellektuellen im Auftrag Alfred Rosenbergs gezwungen, aus ganz Wilna – der Metropole traditionsreicher jüdischer Bildung – jüdische Schriften, Bücher und Manuskripte zusammenzutragen und zu vernichten. Unter Einsatz ihres Lebens haben Sutzkewer und seine Freunde wertvolle Bände gerettet. Auf den Ruinen des zerstörten Wilna: von 80 000 Juden in Wilna sind einige Hundert noch am Leben. Der letzte Funken Hoffnung wird auch noch ausgetreten. Die Sowjets verhindern den Wiederbeginn jüdischen Lebens in Litauen.