Von Margit Mölke

Nicht nur in der DDR leben Kinder, die einen berühmten Patenonkel von Staats wegen haben (vgl. ZEIT Nr. 18/1985). Christin Ott, im zarten Alter von einem Jahr, kennt ihren Patenonkel noch nicht, aber sie besitzt eine Urkunde, die es schwarz auf weiß bestätigt: Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat die Ehrenpatenschaft für sie übernommen. Allerdings fehlt der Urkunde die schwarz-rot-goldene Kordel, und sie ist auch nicht in Leder gebunden wie in der DDR. Ihr Text, auf schmucklosem Papier ohne Bütten, lautet knapp: „Hiermit übernehme ich die Patenschaft für Christin. Der Bundespräsident.“ Unterschrift. Die Patenschaft muß von den Eltern beantragt werden – aus gutem Grund, der es verbietet, ihre vorbildlichen Leistungen wie in der DDR zu prämieren. Theodor Heuss, der die Ehrenpatenschaft einführte, war die Erinnerung an Mutterkreuze und „Söhne für den Führer“ noch bedrückend nahe.

Die Ehrenpatenschaft und als Patengeschenk 450 Mark kann für das siebte oder ein folgendes Kind beantragt werden. Kinder aus verschiedenen Ehen dürfen nicht zur stattlichen Zahl zusammengezählt werden. Sie müssen, wenn schon nicht aus einer Lebensgemeinschaft, so doch mindestens vom selben Vater oder derselben Mutter stammen.

Das Ehepaar Ott in Glückstadt hatte in der Itzehoer Zeitung etwas über Ehrenpatenschaften gelesen und erkundigte sich beim Sozialamt. „Das gibt es nicht“, war die Auskunft. Herr Ott wußte es besser. Seine agile Hausverwalterin, Mitglied im Stadtrat, kümmerte sich um die Sache, und innerhalb von drei Wochen kam Christin in die örtliche Zeitung mit einem Photo, auf dem der Bürgermeister ihren Eltern das Patengeschenk und die Urkunde überreicht.

Bundespräsident Heuss hatte noch 16 000 Patenkinder in zehn Jahren; Präsident Carstens in fünf Jahren nur noch 1697. Kinderreiche Familien sind inzwischen zur kleinen Minderheit geworden.

Bei Familie Ott geht es laut zu, aber nicht aggressiv. Thomas Ott, 17, lebt mit seinen Geschwistern Mathias, 14, Tanja, 11, Torsten, 8, Daniel, 7, Daniela, 6, Kai-Hermann, 4, Denis, 3, Christin, 1 Jahr, und seinen Eltern in einer Fünf-Zimmer-Wohnung, die mit Küche und Bad 98,8 Quadratmeter „groß“ ist (in Hamburg stehen einer kinderreichen Familie bei der Zuteilung 10 Quadratmeter Wohnraum pro Person zu). Im Wohnzimmer mit gemusterter Tapete steht eine schlichte Couch mit zwei Sesseln, der Tisch in der Mitte. An der Wand ein Schrank mit Glastür und Regalen, in denen Porzellan, Vasen und Gläser zum Ansehen arrangiert sind. Spielzeug liegt nicht herum. In der guten Stube herrscht Ordnung. Einen Fernseher gibt es in diesem Raum auch, vor dem sich das Ehepaar Ott abends von den Sorgen und Turbulenzen des Tages erholt. Herr Ott, seit Mai letzten Jahres arbeitslos – gerade ist ihm wieder eine Bewerbung abgelehnt worden: „Zu alt“ –, gesteht vorsichtig, daß er auch tagsüber oft fernsieht. Dafür achtet Frau Ott streng darauf, daß die Kinder wenig fernsehen, die Kleinen mal die Sesamstraße, die Großen dürfen abends ab und zu mit ihren Eltern sich einen Film anschauen. Sie hören aber lieber Disco-Musik.

Im elterlichen Schlafzimmer schläft Christin, die beiden älteren Söhne teilen sich ein kleines Zimmer. In dem anderen Kinderzimmer stehen sechs einfache Holzbetten, jeweils drei übereinandergestapelt, ein großer Schrank, in einer Ecke ein kleiner Tisch: Ein paar Spielsachen, Autos, eine Stoffpuppe, liegen auf der Erde. Aber dieses Zimmer ist kein Ort kindlicher Freude; es ist dunkel, trostlos und deprimierend.