Der Diebstahl von Fahrrädern gehört heute – genau wie der Ladendiebstahl zu der Kategorie von Straftaten, die Juristen und Soziologen Massendelikte nennen. Jeder weiß: Die großen Warenhauskonzerne kalkulieren ihre Verkaufspreise längst so, daß die geklaute Ware, deren Prozentsatz sie statistisch ermittelt haben, vom Verkaufserlös, den die bezahlte Ware einbringt, mitgedeckt wird. Oder anders: Der Ehrliche zahlt für den Klein-Ganoven, der was mitgehen läßt.

Beim Fahrraddiebstahl ist solche Umverteilung nicht möglich. Wer abends aus dem Kino kommt und an der S-Bahnstation sein Fahrrad nicht mehr findet, wer morgens sein Kind in die Schule schickt und den erschreckten Ausruf hört: „Mama, mein Rad ist weg“, der geht erst mal zur Polizei.

Das ist sicherlich der richtige Weg. Aber wer ihn, wie ich, schon viermal gegangen ist, weiß auch, was ihn dort erwartet. Das gelangweilte Gesicht des zuständigen Beamten drückt aus, was er denkt: Liebe Dame, schon gut, wir nehmen das auf, selbstverständlich. Aber Sie werden sich doch nicht einbilden, daß wir Ihnen helfen können!

Nein, das können sie wirklich nicht, die armen Polizisten. Angesichts der vielen tausend gestohlenen Fahrräder sind sie so gut wie machtlos.

Dem beklauten Bürger fällt dann vielleicht ein: Halt, ich bin doch versichert! In der Tat hat jeder, der eine Hausratversicherung abgeschlossen hat, laut Versicherungsbedingungen auch einen Anspruch auf Entschädigung für ein gestohlenes Fahrrad. Doch zahlt die Versicherung nicht bedingungslos. Ein Fahrrad zum Beispiel, das im Freien abgestellt wird, muß „in verkehrsüblicher Weise durch ein Schloß gesichert“ werden. Für nicht abgeschlossene Fahrräder zahlt die Versicherung nicht.

Besonderheiten gelten auch, wenn das Fahrrad vor der eigenen Haustür steht. Denn: „Nach beendetem Gebrauch“ sind Fahrräder während der Nacht (genau: zwischen 10 Uhr abends und 6 Uhr morgens) nur versichert, wenn sie in einem „verschlossenen Raum“ stehen. Das kann die Garage sein oder der Hausflur oder der Keller, wichtig ist die verschlossene Tür. Dieser unscheinbare und auf den ersten Blick einleuchtende Passus in den Versicherungsbedingungen macht nun immer wieder Schwierigkeiten. Offenbar tun nämlich viele Leute genau das, was auch meine Kinder tun: Sie kommen am späten Nachmittag nach Hause, stellen das Fahrrad draußen ab und lassen es nachts dort stehen. Am nächsten Morgen ist das gute Stück weg.

Auf die Schadensmeldung an die Versicherung kommt dann als Antwort: Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, daß wir keine Entschädigung zahlen können. Voraussetzung dafür wäre, daß der Diebstahl entweder durch Einbruch in einen verschlossenen Raum verübt wurde, oder daß er nicht in der Zeit zwischen 22 Uhr und 6 Uhr eingetreten ist. Letzteres müßte von Ihnen nachgewiesen werden.