Die Zeit schreit nach Satire, fand Kurt Tucholsky einmal – aus gutem Grund. Aus heiterem Himmel kommt gute Satire nicht. Pech nur, daß die Zeit, die danach verlangt, Satire meistens am allerwenigsten verträgt.

Die Zeit: Am Sonntag, 12. Mai, kurz nach Gipfel- und Besuchsspektakel, wird in Nordrhein-Westfalen gewählt. Der Westdeutsche Rundfunk ist dort der Haussender. Am 1. Mai hat der WDR über das ARD-Fernsehen eine dreistündige "Mai-Revue" ausgestrahlt, die eine zehnminütige "nicntautorisierte Satire" enthielt.

Von Hans-Jürgen Rosenbauer moderiert, imitierten Stephan Wald und Ron Williams die Stimmen von Kanzler Kohl und Präsident Reagan, während Standphotos der beiden Politiker zu sehen waren.

Als Reagan (Williams) am Telephon dem "Mister Rossenbowr" erklärte, nicht in Bitburg oder Bergen-Belsen landen, sondern darüber schweben zu wollen und als Kohl (Wald) großzügig einräumte, eine "Aussöhnung über den Gräbern" bleibe es allemal, war wohl endgültig geklärt, daß es sich um eine Parodie handelte.

Rosenbauer hat obendrein vorsichtshalber hinterher aufgeklärt, es sei Satire – Reagan will nicht aus dem Flugzeug über dem Spandauer Gefängnis Rudolf Heß grüßen. Die Stimmenimitatoren spießen nun offen vor den Kameras ihre Rollen noch eine Weile fort. Die wirklich interessante Frage bleibt, weshalb eigentlich so viele Zuschauer die Show für Realität gehalten haben. Und hätten Kabarettisten je zu ersinnen gewagt oder vermocht, was vor und während dieses Besuches alles wirklich passiert ist?

Zwei Tage nach der Landtagswahl soll sich nun der Rundfunkrat des WDR mit dem ernsten "Fall" befassen, da der Verwaltungsrat sich für nicht zuständig erklärte. Den Ausschlag in dem siebenköpfigen Gremium – drei Unionsstimmen, drei SPD-Stimmen, ein Freidemokrat – gab dabei Willy Weyer (FDP), der nicht mit der Union votierte.

Nach den Wahlen also werden wir weitersehen, bis dahin ist die publikumswirksame Aufregung offenbar noch nötig: Es ist nämlich kein Geheimnis geblieben, wie sehr es der Union in diesem Wahlkampf an Themen mangelt. Bis dahin setzt die Bundesregierung ganz auf Entrüstung: Die "angebliche Satire" habe dem Ansehen der Bundesrepublik geschadet und den Gast Ronald Reagan verhöhnt und beleidigt. Die Intendanten der ARD sollen sich gefälligst mit dieser "unentschuldbaren Entgleisung" befassen und – heilige Bonner Logik! – dafür entschuldigen.