Die Industrie beginnt, in der Umweltpolitik dazuzulernen

Von Fritz Vahrenholt

Chemie auf Ihrer Seite – so lautete Ende der siebziger Jahre der Slogan einer breit angelegten, mit dreißig Millionen Mark dotierten Werbekampagne der Chemieindustrie, die das sich rapide verschlechternde Ansehen der Branche aufpolieren helfen sollte. Was Ausrottung von Tier- und Pflanzenarten, das Umkippen von Gewässern, leidvolle Erfahrungen von erkrankten Chemiearbeitern nicht geschafft hatten – erreicht hat es die Verseuchung eines kleinen italienischen Landstrichs, die das Chemiezeitalter in vor und nach Seveso teilt, Die Chemie steht seit 1976 auf dem Prüfstand, Unbehagen und Mißtrauen werden durch tägliche Schlagzeilen gestärkt, die noch so raffinierte Glanzbroschüren und Werbekampagnen hohl werden lassen und zu Anklageschriften umkehren.

Sicherlich: Die Kenntnisse über die Risiken von Umweltchemikalien, denen die Arbeiter am Arbeitsplatz, die Bevölkerung in der Nachbarschaft zu Produktionsstätten und wir alle über die Anreicherung von Schadstoffen in der Nahrung, im Wasser, im Boden und der Luft ausgesetzt sind, haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Unbestritten ist aber auch, daß in den letzten zwanzig Jahren

  • die Zahl der offiziell anerkannten krebserzeugenden Arbeitsstoffe in exponentieller Entwicklung verzwanzigfacht wurde;
  • durch die Erweiterung und Konzentration von Anlagen in der Nähe von Wohngebieten die Belastung und das Gefahrenpotential ständig gewachsen sind und die Verteilung der Schadstoffe neue katastrophale Gefahren erzeugt hat;
  • die Anzahl und das Ausmaß von problematischen Chemikalien in der Umwelt zugenommen hat.

Es ist daher schon bemerkenswert, daß gesetzliche Regelungen zur Vermeidung von Störfällen und zur Kontrolle von Umweltchemikalien bis Anfang der achtziger Jahre auf sich warten ließen. Je weniger die Öffentlichkeit über Risiken der Chemieproduktion weiß, um so besser für die Chemie, war wohl die Devise ihres Verbandes, der angesichts der Gesetzesinitiativen verlauten ließ, daß sie „doch nur zu einer Verunsicherung der Öffentlichkeit führen, Material für diejenigen wären, die prinzipiell gegen eine Weiterentwicklung von Technik und Gesellschaft sind“.

Vom Wohltäter zum Missetäter – kaum ein anderer Industriezweig hat in den letzten zehn Jahren einen solchen dramatischen Paradigmawechsel in der öffentlichen Meinung erleben müssen. Und wenn nicht durch Vorfälle, so verfestigte sich dieser Eindruck durch Sprüche der Chemiemanager. So etwa, wenn der Vorstandsvorsitzende der Hoechst AG mehr Sachlichkeit im Zusammenhang mit dem Seveso-Unfall verlangt, da es in Seveso ja keinen Todesfall, sondern nur ein paar Narben gegeben habe. Mit Zynismus sind solche Aussagen nur unzulänglich gekennzeichnet.