Von Georg Wedemeyer

Der Spruch ungeduldiger Erben „Dann lassen wir den Alten eben entmündigen“ ist so weit von der Wirklichkeit nicht entfernt. Wenn auch heute Menschen nicht mehr so schnell entmündigt werden, Pflegschaften, namentlich Vermögenspflegschaften, sind erschreckend leicht auch gegen den Willen der Betroffenen in die Wege zu leiten. Ein Antrag beim örtlichen Amts- und Vormundschaftsgericht genügt meist schon, daß der vermeintlich Unmündige sich einer amtsärztlichen Untersuchung zu stellen hat – ob er will oder nicht. Beginnt der Vorgeladene dann zu schimpfen oder setzt er sich gar zur Wehr, so liefert er damit nur Argumente gegen sich.

In manchen Altersheimen geht die „Untersuchung“ auch so vor sich, daß „der Arzt unangemeldet reinkommt und die Leute fragt: ‚Na, Frau Meier, den Wievielten haben wir denn heute‘, und wenn’s jemand nicht weiß, ist’s schon passiert“. Gabriele Fischer, die Vorsitzende des Münchner Seniorenschutzbundes „Graue Panther“, von der dieses Zitat stammt, kennt mehrere solcher Fälle.

Statistisch gesehen, müssen von hundert Bundesbürgern immerhin drei damit rechnen, im Alter entmündigt oder unter Pflegschaft gestellt zu werden. (Die Vormundschaft bezieht sich auf die ganze Person, die Pflegschaft erstreckt sich nur auf Teilbereiche: etwa die Verfügungsgewalt über das Vermögen oder den Aufenthaltsort.)

Die Schelte, die die Justiz in jüngster Zeit bezieht, richtet sich weniger gegen die Entmündigung an sich als gegen die Mißstände bei der Betreuung der Betroffenen – im Bundesgebiet sind es etwa 950 000. „Die größte Zahl der Pflegebefohlenen bekommt ihren Vormund nicht ein einziges Mal zu Gesicht“, sagt Rechtsanwalt Alexander Frey vom Münchner „Arbeitskreis gegen Menschenrechtsverletzungen“. Das Elend der Entmündigten wird von Wortlaut und Praxis des beinahe hundert Jahre alten Vormundschaftsrechts ermöglicht und gefördert.

Der Kontakt Vormund/Mündel ist schon rein rechnerisch schlecht möglich, da die meisten der sogenannten Berufsvormunde weit über hundert, manche angeblich mehr als tausend Mündel zu betreuen haben. In München sollen etwa zwanzig Anwaltskanzleien drei Viertel der 22 245 Pflege- und Vormundschaften unter sich aufteilen.

Zur Übernahme von bis zu drei Vormundschaften oder Pflegschaften kann jeder Bundesbürger verpflichtet werden. Ehrenamtlich, ohne einen Pfennig dafür zu bekommen. Berufsvormunde (solche mit mindestens zehn Klienten) dürfen nach einer Entscheidung des Bayerischen Landgerichts 35 Mark pro Stunde als Aufwandsentschädigung beim Amtsgericht abrechnen.