Amerikanische Beiläufigkeiten: Über die Kunst der öffentlichen Rede

Von Ulrich Greiner

Amerika ist anders. Das merkt man zuerst an den Steckdosen. Ich ging in einen Hardware Store. Der Inhaber stieg auf die Leiter und holte von hoch oben ein Set mit einem halben Dutzend verschiedenster Adapter, verpackt in einem Reise-Etui, vermutlich für jene Globetrotter, die sich jeden Tag in einem anderen Erdteil rasieren. Als ich bedauernd erklärte, ich benötige nicht sechs, sondern nur einen Adapter, räumte er alles wieder weg und sagte halb resigniert, halb anerkennend, als billige er eine richtige Entscheidung: „Ja, so ’nen Kram würde ich auch nicht kaufen.“

Amerika ist anders. Das merkt man vor allem daran, wie die Leute miteinander reden. Das ist keine Frage des Charakters: Die Amerikaner sind nicht von Natur aus freundlicher und besser gelaunt als etwa die Deutschen. Aber ihre Umgangsformen sind anders: angenehmer, geräumiger, wohnlicher. Man fühlt sich bald zu Hause.

So sprach aus der Reaktion dieses Verkäufers weder glatte Höflichkeit noch gar Mißmut (eines von beiden ist bei uns die Regel), eher etwas wie Kameradschaftlichkeit, die nicht speziell mich meinte, sondern grundsätzlich jeden, der den Laden betreten würde. Der Mann war nicht ausnehmend gut gelaunt (weshalb auch, die unverkäufliche Ware mochte ihn ärgern), und als er sich mir gegenüber äußerte, bediente er sich eines absolut alltäglichen Mittels, der Sprache nämlich. Die amerikanische Alltagssprache jedoch unterscheidet sich von der deutschen durch ein höheres Maß an Pragmatismus und Gemeinschaftlichkeit.

Als ich in der Hotelbar des Copley Plaza in Boston einen Whisky bestellte und, da meine Kennerschaft bescheiden ist, lediglich sagte „Einen Scotch bitte“, fragte die Bardame, welchen ich bevorzuge. Ich antwortete scheinbar weltläufig: „Was haben Sie denn?“ Die Frau begann, ein Dutzend Sorten aufzusagen, fing aber plötzlich zu lachen an und prustete: „Das können Sie sich ja wirklich nicht alles merken.“ In der Bar eines vergleichbaren deutschen Luxus-Hotels hätte der Barkeeper vermutlich mit wichtiger Miene die Fülle der klangvollen Namen intoniert und mit jenem latenten Imponiergehabe, das bei uns mit überhöhten Preisen einherzugehen pflegt, mir das Gefühl vermittelt, es sei mein Ferner, nicht zu wissen, welchen Scotch ich wolle.

Die amerikanische Sprache ist eine wirklich öffentliche Sprache. Zwar hat auch sie, wie die meisten hochkultivierten Sprachen, ihre esoterischen Gehege, wo nicht jeder mitreden kann. Aber ihr soziales Zentrum ist größer, also jener imaginäre Marktplatz, wo jeder mit jedem von gleich zu gleich reden kann und wo Klassenschranken zeitweise aufgehoben sind. Die amerikanische Sprache stellt jedem ihrer Benutzer einen ganzen Fundus bequem verwendbarer und leicht verständlicher Umgangsformen bereit, die zunächst niemanden ausgrenzen und Unterschiede der Herkunft wie der Einkunft nivellieren.