Von Anatol Johansen

Gegenwärtig gibt es auf der Welt zwei große Nationen, deren Ausgangspunkte zwar verschieden sind, die aber dem gleichen Ziel zustreben. Ich meine die Russen und die Amerikaner ... jedes der beiden (Völker) scheint vom Himmel dazu ausersehen worden zu sein, die Geschicke des halben Erdballs zu lenken." Auf dieses 150 Jahre alte Zitat von Alexis de Tocqueville verwies kürzlich Generalleutnant James Abrahamson, Direktor des neuen amerikanischen Weltraumverteidigungsprogrammes SDI (Strategie Defense Initiative), aus er die amerikanischen Abwehrbemühungen im All erläuterte.

Für europäische Ohren klingt diese Aussage auf verräterische Weise interessant. Denn einmal zeigt sie, daß Westeuropa bei Tocqueville wie bei Abrahamson durchaus nicht gleichrangig mit den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion ist. Zum anderen zeigen die SDI-Pläne, daß die Dualität der Supermächte nun auch auf den Weltraum ausgeweitet werden soll.

Die Frage, ob Westeuropa an den Forschungen für das geplante Weltraumverteidigungssystem der Amerikaner mitarbeiten soll, wäre leicht zu beantworten – wenn einzig die Argumente der Befürworter gültig wären: SDI soll nicht nur die militärische Sicherheit erhöhen, sondern langfristig sogar den Abbau aller nuklearen Fernraketen bewirken können. Und schließlich, dies wird den Europäern als zusätzliches Bonbon angeboten, soll die Beteiligung am Weltraumverteidigungssystem auch einen Quantensprung für die Wissenschaft und Technik des alten Kontinents bewirken.

Tatsächlich sind die technischen Herausforderungen enorm. Die projektierte, vierfach gestaffelte Weltraumverteidigung mit Laser- oder Partikelstrahl-Waffen soll mindestens 1500 anfliegende Interkontinentalraketen – oder Tausende von einzeln anfliegenden nuklearen Gefechtsköpfen – innerhalb weniger Minuten ausschalten. Die SDI-Befürworter weisen deshalb auf all die neu zu entwickelnden Materialien, Herstellungsverfahren, wissenschaftlichen und technischen Methoden hin, die für eine funktionsfähige Weltraumverteidigung neu entwickelt werden müssen – falls die Verwirklichung der Pläne nicht schon an unüberwindlichen physikalischen Hürden scheitert (von den kosmischen Kosten einmal abgesehen).

Abrahamson gab sich betont optimistisch: "Was unsere Forschungsarbeiten anbelangt, so sehen wir uns zwar gewaltigen Hindernissen gegenüber, aber unsere Ziele sind dennoch erreichbar ... Unsere technischen Möglichkeiten reichen zur Zeit für eine solide Verteidigung gegen wahrscheinliche Bedrohungen und zur Abwehr möglicher Gegenmaßnahmen noch nicht aus, machen aber rasche Fortschritte." Der SDI-Chef führte eine Reihe von Gebieten an, auf denen die Forschung für das Weltraumverteidigungsprogramm auch die zivile Wirtschaft befruchten soll: Computer, Fernmeldetechnik, Lasertechnik, neuartige Techniken für kostengünstige Energieübertragung über große Entfernungen, Solarkraftwerke im Weltraum sowie miniaturisierte Simultanprozeßrechner.

Gewiß, wo mit so großem Aufwand nach so hohen Zielen gegriffen werden soll, müßten eigentlich auch für andere Zwecke nützliche Erkenntnisse mit herauskommen. Aber werden die westeuropäische und die deutsche Wirtschaft bei einer Beteiligung an SDI wirklich einen technischen Sprung vorwärts machen?