Der Schauspieler ist wenig veränderbar. Wie immer man die Realität auf der Bühne verzerrt – er behält den Hintern hinten und die Nase vorn. Und was immer man dann mit ihm anstellt, er tendiert zur Rampe, zu „seinem“ Publikum. Er sucht die Unmittelbarkeit, was immer sich auch vermitteln wollend dazwischen drängt. Er ist das antiquierte Mittel des Theaters, antiquiert wie der Mensch selbst, Fossil in einer selbstgeschaffenen Welt, deren Ansprüchen er nicht mehr genügt, für die er zu primitiv ist. Allen Theaterrevolutionen leistet der Schauspieler bewußtlos, aber insistent Widerstand. Der Regisseur kann ihn zu allem Möglichen abrichten, aber kaum läßt er ihn in Ruhe, kommt der Komödiant durch. Er und der Zuschauer, das sind die heimlichen Verbündeten im modernen Theater. Sie sind die ursprüngliche Einheit des Theaters, seine Lebensstile, die noch nicht ganz tot ist.

Adolf Dresen: „Warum ist es schwer, ein Theater zu leiten?“, „Bühne und Parkett“, Mai/Juni 1985

Kleist-Preis, neu

Ein Gerücht wird Wirklichkeit: Der von den Nazis, mit den Handlangerdiensten sogenannter Schriftsteller (Beumelburg, Elster), abgewürgte Kleist-Preis, die am höchsten geachtete literarische Auszeichnung von 1912 bis 1932, wird von diesem Jahr an wieder neu vergeben. Der von einigen Verlagen und vom Bundesministerium des Innern gestiftete Preis (25 000 Mark) wird zum ersten Mal wieder während der Tagung der Kleist-Gesellschaft, an Kleists Todestag, dem 22. November, in Berlin verliehen. Die Jury (früher: „Kunstrat“), der unter anderem die Schriftsteller und Kritiker Reinhard Baumgart und Helmut Heißenbüttel, der Verleger (dtv) Heinz Friedrich, der Kritiker Heinrich Vormweg, der Schauspieldirektor Günther Rühle (bis zu Beginn des Jahres Feuilletonchef der FAZ) und der Literaturwissenschaftler Hans-Joachim Kreutzer (Regensburg), Vorsitzender der Kleist-Gesellschaft, angehören, hat – wie es bewährter Brauch dieser sich von allen anderen Kunstpreisen unterscheidenden Auszeichnung war und wieder ist – für 1985 einen „Vertrauensmann“ gewählt, der in freier Entscheidung einen Preisträger benennt: Helmut Heißenbüttel.

Canaris, Düsseldorf

Erst sollte er Intendant in Köln werden – und wurde das Opfer einer politischen Lokalposse. Dann sollte er stellvertretender Intendant in Hamburg werden – und wurde das Opfer seines Vorgesetzten Peter Zadek, dem er nicht die totale Auslieferung seiner selbst versprechen wollte. Nun wird er einfach selber Intendant: Volker Canaris, derzeit Schauspiel Köln, wird Nachfolger von Günther Beelitz, den es von Düsseldorf ans Bayerische Staatsschauspiel nach München zieht. Was Beelitz nur gelegentlich gelang, wird auch Volker Canaris’ Ehrgeiz sein: dem amorphen Theatergroßbetrieb Düsseldorf so etwas wie ein eigenes Gesicht zu geben. Das Intendantenkarussell dreht sich fröhlich weiter. Derzeit ohne Fahrkarte (weil in München die CSU an der Kasse sitzt): Frank Baumbauer vom Residenztheater.

Der Generäle neue Schlagtechnik