„Zum Heulen – Kulturgeschichte unserer Tränen“, von Gisela Berkenbusch. Schade. Welch schönes Thema ist da verschenkt, ertränkt in einer Flut von Geschwätz („Bei einem Abschied traurig zu sein, ist schlechthin menschlich“), in pseudo-wissenschaftlichem Kauderwelsch („Die Institutionen homogenisieren das Verhalten“) und schlechtem Deutsch: Da hat nicht nur „der Erwachsene im Großen und Ganzen den Alltag im Griff“, sondern Männer, „professionelle Typen“, haben auch „sich selbst und jede Situation fest im Griff der ratio“. Was der großsprecherische Titel, „Kulturgeschichte unserer Tränen“, erwarten läßt, eine literaturgeschichtliche und sozialkulturelle Untersuchung jenes Sekrets, das beidemal fließt, bei höchster Freude, tiefstem Leid, also ein lehrreiches Lesebuch, wie es Alain Corbin für die „Geschichte des Geruchs“ geschrieben hat, erweist sich als schmale, fleißig erforschte Studie über populäre Literatur der Jahre von 1870 bis 1980. Kann man über Trivial-Literatur dieser Zeit schreiben, ohne sie herzuleiten auch vom tränenseligen 18. Jahrhundert der Empfindsamkeit? Von den sprach- und gefühlsmächtigen Dichtern zwischen Rokoko und Romantik ist aber gar nicht die Rede. Ermüdet von schalen Zitaten aus religiösen Traktaten, pädagogischen Schwarten, Dutzend-Romanen sinkt dem Leser das Buch aus der Hand und er selber in Schlaf. (Transit Buchverlag, Berlin, 1985; 240 S., Abb., 34,– DM.) Rolf Michaelis

„Marschieren“, Roman von Heinz Stalder. Heinz Stalder hat diesen Roman in 18 Folgen im Schweizer Rundfunk gelesen; eine Option auf die Filmrechte ist vergeben; der Werkpreis des Kantons Bern verliehen. Die Schweizer Hörer sind zu beneiden. Je böser die Szenen des Romans werden, desto mehr reizen sie zum Lachen. Zweihundertvierundvierzig Seiten im Konjunktiv machen dem Autor keineswegs die Erzählzunge schwer, vielmehr ist die altmodische Sprechform der Nährboden, aus dem die Groteske erwächst. Alles passiert in Stalders Heimat, der ländlichen Schweizerwelt des Jeremias Gotthelf. Die Eingangsszene zeigt eine alte Bäurin tot am Boden, lächelnd mit schönen Zähnen. Nur ihre Starre und die blauen Male am Hals verraten den gewaltsamen Tod. Der armselige Mörder steht vor ihr, verblüfft über die plötzliche Kraft der durch harte Landarbeit rheumatisch gewordenen Hände. Der handfesten Abrechnung folgt die wortreiche Lebensrückschau im Konjunktiv. Nach lebenslänglichem Schweigen im ländlichen Stillstand nun die vielen Worte und die plötzliche Bewegung. Mit den bösen Erinnerungen an ein Bauernknechtsleben ohne Anerkennung durch die Dorfbewohner, die den Zugereisten verachten, und an das Leiden unter der Überlegenheit der Frau, kommen die lieben Erinnerungen an ihr Lächeln, an ihre Liebesbegegnungen. Es bleibt offen, ob der alte Bauer sich oder sie hat auslöschen wollen. (Nagel & Kimche Verlag, Zürich, 1984; 244 S., 34,-DM.) Mechthild Curtius

„Willi Weismann und sein Verlag 1946-1954.“ Dem baskenbemützten Herrn sieht man Skepsis zum Zeitgeschehen an, gemildert durch verschmitztes Schnauzbart-Lächeln: Der Münchner Verleger Willi Weismann wird bis zum 21. Juni im Marbach’schen Schiller-Nationalmuseum vorgestellt. Das „Marbacher Magazin“ 33/1985 liefert aus dem Nachlaß den Briefwechsel mit Exil-Autoren: Broch, Canetti, Jahnn. Der Adressat erweist Wendigkeit, Beharrlichkeit, Risikobereitschaft. Mit Broch ersann er den Falt-Buchumschlag, den Klappentext als Leporello. Das „Marbacher Magazin“ nahm die Idee für den Lebenslauf Weismanns auf Nach der Buchhändlerlehre wechselte er vom Jung-Stahlhelm zur SPD, von Zehrers Tat zu Niekischs Widerstand.Nach dessen Verhaftung hatte Weismann Meldepflicht bei der Gestapo. Das Kriegsende erlebte er in der Widerstandsgruppe „O 7“. Als selbsternannter Polizei-Kommissar übergab er München kampflos. Die Währungsreform übersteht er als Verleger von Krimis und ermöglicht so den literarisch anspruchsvollen „Willi Weismann Verlag“. Kontakte zur Buchstadt Leipzig stempeln ihn zum Kommunisten. Resignierte Konsequenz aus Verlagsdurchsuchungen und Beschlagnahmen: Rückzug des mutigen Editors ins Kinderbuch-Exil. („Marbacher Magazin“, 33/85: „Broch – Canetti – Jahnn. Willi Weismann und sein Verlag 1946-1954“, bearbeitet von Jochen Meyer; Schiller-Nationalmuseum, Marbach, 1985; 96 S., 32 Abb., 6,– DM) David Dambitsch

Walter Benjamin – Bibliografia critica generale (1913-1983), vom Momme Brodersen. Kein Land außerhalb der Bundesrepublik Deutschland hat das Werk Walter Benjamins lebhafter aufgenommen als Italien. Hier wurde es zu einem Ferment der politischen Kultur. Hier erscheint bei Einaudi die große Ausgabe nach dem einzigen Prinzip, das die Koinzidenz des vermeintlich Disparaten zu demonstrieren vermag: dem strikter Chronologie. Und hier ist jetzt die erste umfassende Bibliographie durch den Benjamin-Spezialisten Momme Brodersen zustandegekommen, die neben das schmalere Werk von Riccardo Gavagna „Benjamin in Italia“ (Sansoni 1982) tritt. Sie sammelt die Buchausgaben Benjamins einschließlich aller erreichbaren Rezensionen, die zahlreichen Übersetzungen ins Italienische und schließlich die inzwischen weltweite Reaktion auf das Benjaminsche Œuvre (nahezu tausend Titel). Wann wird in der Bundesrepublik eine Untersuchung vergleichbarer philologischer Umsicht erarbeitet? Wer nimmt sich der Übersetzungen außerhalb Italiens an? Und wann endlich erhalten wir die komplette, überzeugend präsentierte und von parteiischen Herausgeber-Zutaten gereinigte kritische Ausgabe? Drei würdige Aufgaben im Blick auf den nahenden 100. Geburtstag des größten Kritikers deutscher Sprache im 20. Jahrhundert. („Aesthetica pre-print Nr. 6, Centro internazionale studi di estetica, Palermo, 1984; 190 Seiten.)

Klaus Garber